Umgang mit Prüfungsangst
"Vor allem die Abwürge-Übungen haben mir Spaß gemacht!"
Interview über den Umgang mit Prüfungsangst
Vorbemerkung: Paul S. scheiterte viermal in der praktischen Prüfung, bis ihm klar wurde, dass es so nicht weiter gehen konnte. Er versuchte es in unserer Fahrschule, übte fleißig und bestand die Fahrprüfung auf Anhieb. Einen dramatischen Beigeschmack bekam die Sache, weil sich bei Paul u.a. wegen der vielen, nicht bestandenen Prüfungen eine heftige Prüfungsangst entwickelt hatte. Studienfach, Name und Orte im Interview sind geändert.
Das Interview wurde aufgezeichnet am 03.06.2008.
F: Frank, Fahrlehrer
P: Paul, glücklicher, ehemaliger Fahrschüler
F: Ich freue mich, dass Du bestanden hast. Du bist sehr schön gefahren und hattest auch die Prüfungsangst im Griff. Dieser Erfolg tut Dir sicher gut. Kannst Du kurz berichten, was Dich zu uns geführt hat?
P: Ich studiere in Leipzig Maschinenbau. Dort habe ich mich bei einer Fahrschule angemeldet und bin in der Fahrprüfung leider viermal durchgefallen. Von Mal zu Mal hatte ich mehr Angst. Nach dem vierten Mal wusste ich: „So geht’s nicht weiter!“ Ich habe dann beinahe fünf Jahre aufgehört. Als ich dann wieder in einer Fahrschule anfing und die Ängste erneut hoch kamen, habe ich die Ausbildung geschmissen. Jetzt konnte mir nur noch ein besonderer Tipp helfen. Ein Bekannter, der im Internet recherchierte, hat mich auf Euch aufmerksam gemacht.
F: Hat sich Deine Angst wegen der verlorenen Prüfungen entwickelt?
P: Nicht nur. Ich glaube, dass ich allgemein sehr empfindlich bin, wenn ich Fehler mache. Ich fürchte, dass andere dann schlecht von mir denken. Jeder Fehler ist daher für mich eine kleine Katastrophe.
F: Hast Du Dir wegen dieser Ängste therapeutische Hilfe geholt?
P: Ja, ich war in einer Klinik. Das hat mir geholfen. Aber die Prüfungsangst ist geblieben.
F: Wie hat sich Deine Prüfungsangst geäußert?
P: Ich fürchtete, wenn ich Fehler in der Fahrprüfung mache und sie nicht bestehe, denken Fahrlehrer, Prüfer und auch meine Angehörigen und Bekannten schlecht von mir. Ich zitterte davor, einen Fehler in der Prüfung zu machen: Dann würde vor Angst meine Aufmerksamkeit schwinden und weitere Fehler wären die Folge. Nach der verlorenen Prüfung würde ich als Versager dastehen, der nichts auf die Reihe kriegt. Mein Selbstbewusstsein wäre noch tiefer im Keller.
F: Welche Symptome hattest Du, wenn die Prüfungsangst auftrat?
P: Ich hatte Herzklopfen, wurde abwechselnd rot und blass. Die Muskeln wurde krampfig und zitterten. Und ich bekam ein flaues Gefühl im Magen, mir wurde schlecht. Im Kopf lief gar nichts mehr, das Denken war wie abgeschaltet.
F: Das ist hart, wie solltest Du so in einer Prüfungsfahrt bestehen? Kannst Du Dich noch erinnern, was in den vergangenen Prüfungen los war?
P: Ich war schon bei der ersten Prüfung von Beginn an nervös. Ich stand hinter einem haltenden Bus, habe erst spät bemerkt, dass der nicht weiterfährt, sondern an der Endhaltestelle steht. Dabei schoss mir in den Kopf, ich hätte schon viel zu lange gewartet. Als ich hektisch losfuhr, war ich aufgeregt, nichts klappte mehr richtig. Ich benutzte den zweiten Gang statt des ersten und drückte aus Versehen den Scheibenwischer-Hebel, als ich vom zweiten in den ersten Gang schalten wollte. In meiner Aufregung übersah ich völlig, dass ein Lkw entgegen kam.
In meiner nächsten Prüfung fuhr ich in meiner Nervosität viel zu schnell. Ich spürte Druck, wollte niemanden behindern. Dabei bog ich ein paar Mal zu rasant ab.
In der dritten Prüfung war ich wieder nervös. Der Prüfer merkte wohl etwas und verhielt sich sehr nett zu mir. Ich fühlte mich etwas besser. Dann habe ich den Motor abgewürgt. Eigentlich war das harmlos, aber nach diesem Fehler wurde ich sehr nervös. Ich wollte eigentlich keine Fehler mehr machen. Da kam eine gelbe Ampel, die dann rot wurde. Ich bin starr weiter gefahren, ohne zu reagieren.
Bei der vierten Prüfung hatte ich einen anderen Fahrlehrer. Ich wusste schon vorher, wenn ich dieses Mal nicht bestehe, höre ich auf. Ich war schrecklich nervös. Wieder war eine Ampel gelb, dann rot, ich selbst hatte keine Reaktion, der Fahrlehrer musste bremsen.
F: Dann hast Du erst einmal ganz aufgehört. Wie ging es weiter?
P: Nach fünf Jahren war ich wieder soweit, wollte es noch einmal versuchen. Aber die Ängste kamen schon in der Ausbildung wieder hoch. Ich erzählte dem Fahrlehrer davon. Er meinte, damit müsse ich selbst fertig werden, da könne er mir nicht helfen.
F: Ich finde es in Ordnung, dass der Kollege nicht helfen wollte. Es gehört Größe dazu, fehlende Kompetenz einzugestehen.
P: Damals, nach dem Tipp meines Studienkollegen, kam es zu dem Entschluss, bei Euch in Berlin zu üben. Die Ausbildung war anders als gewohnt. Aber es ging ja um meine Angst, nicht nur um das Fahren.
F: Deine Ausbildung war ein buntes Gemisch aus Fahrstunden, Gesprächen, Entspannungstraining und Konfrontationsübungen. Dabei mussten wir einfach zusammen ausprobieren, was Dir bei Deinen Ängsten Besserung brachte. Ich erinnere mich, dass ich mit Deinem Einverständnis ein paar Mal bei Fahrstunden als „böser Prüfer“ Druck gemacht und Dir Fehler vorgehalten habe. Ich habe nach Fahrfehlern von Dir ganz grimmig geschaut und an Dir herum gemeckert, teilweise überzogen. Diese Übung sollte Dich angesichts Deiner Ängste dazu bringen, weniger sensibel zu reagieren, mehr auszuhalten. Aber was hat Dir denn am meisten geholfen, die Ängste zu bewältigen?
P: In den Fahrstunden hast Du mich oft gelobt und mir bestätigt, dass ich gut fahren kann. Dadurch bekam ich wieder Boden unter den Füßen. Am wichtigsten waren für mich die Gespräche und die anschließenden Erfahrungen und Erkundungen im Straßenverkehr. Wir haben über meine Furcht gesprochen, dass andere schlecht von mir denken, wenn ich Fehler mache. Ich habe dann nach Absprache mit Dir Fehler gemacht, z.B. den Motor abgewürgt. Meistens war es so, dass die Fahrer um mich herum sehr nett reagiert haben.
F: Wir haben uns bei den Fehlerübungen vor allem auf die vergangenen Prüfungen bezogen.
P: Ja, vor allem die Abwürge-Übungen waren wichtig für mich. Ich weiß jetzt, dass ich nach dem Abwürgen nicht gleich vor Angst hektisch den Motor anmache, sondern zuerst den Wagen stoppe und auf die Reaktion der anderen achte. Aber, wie gesagt, die Autofahrer um mich herum waren meistens ganz nett. Auch wenn ich ganz bewusst mal langsam gefahren bin, wie Du mir geraten hast, flippte keiner aus. Das war schon eine gute Erfahrung. Ich habe ja vorher geglaubt, ich darf keinen behindern, das wäre ein ganz grober Fehler.
F: Wir haben auch Rotlicht-Übungen durchgeführt. Du wärst ja bei der dritten und vierten Prüfung über Rotlicht gefahren, weil Du darüber nachgegrübelt hast, keine Fehler mehr zu machen.
P: Dabei sollte ich bewusst daran denken, keine Fehler mehr zu machen, dann „wie gelähmt“ auf eine gelbe Ampel zufahren. Um mein Gehirn nicht in Fehlergedanken versinken zu lassen, sondern auf die konkrete Aufgabe zu achten, habe ich laut gesprochen, was jetzt zu tun war. Das ging sehr gut.
F: Von Dir kam die Idee, Richtungsanweisungen des Prüfers falsch auszuführen. Du hast das von einem Freund gehört. Viele Fahrschüler/innen haben sogar Angst davor.
P: Wir haben das geübt, das war komisch. Du hast als Prüfer gesagt „links abbiegen“, und ich bin rechts abgebogen. Anschließend hast Du erstaunt geschaut und „hm, hm“ gesagt. Solche Situationen sind eigentlich harmlos. Aber es ist trotzdem besser, wenn ich nach dem falschen Abbiegen ein paar Worte zur Erklärung sage. Dann ist es gut.
F: Ein paar Mal ist Annemarie, eine Angsthäsin mit Prüfungsangst, bei Dir mitgefahren. Wie war das?
P: Ich fand es wohltuend. Ich war jetzt nicht mehr der einzige mit meiner Prüfungsangst. Wir haben uns hinterher oft lange unterhalten.
F: Gegen Schluss der Ausbildung sind wir ins Prüfstellengebäude gegangen. Ich habe in Deiner Gegenwart einige Worte mit Prüfern gesprochen und Dich einbezogen. Wie fandest Du das?
P: Ich hab' mir die etwas staunend angeschaut. Der eine hatte einen losen Spruch auf Lager, der andere wirkte eher schüchtern.
F: Welche Vorstellung hattest Du von der Prüfung kurz vor dem Termin?
P: Sie war immer noch irgendwie ein schlimmes Ereignis. Ich wollte nicht daran denken, all das weit weg schieben. Aber es ging natürlich nicht. Du hast mir geraten, die Prüfung mit angenehmeren Gedanken zu erwarten. Ich habe mir zu Hause folgende Gedanken vorgestellt: Ich begrüße den Prüfer, der lächelt kurz, ich erzähle ihm von meiner Angst, dann fahren wir los. Ich freue mich, dem Prüfer endlich zeigen zu können, wie gut ich fahren kann. Meine Angst verfließt, das Fahren klappt ganz gut. Diese Gedanken waren tröstlich, aber ich konnte die alten Gedanken trotzdem nicht ganz ausschließen.
F: Nein, das geht auch nicht so schnell. Aber die alten Gedanken werden vielleicht etwas ruhiger. Jedenfalls war der Prüfungstag da, wir standen vor dem Auto in Erwartung des Prüfers und waren beide nicht sicher, ob die Prüfungsangst nicht doch wieder hochkriechen würde. Zur Sicherheit haben wir vorher noch Entspannungstechniken geübt, z.B. Muskelentspannung. Aber erzähle mal selbst – wie war es?
P: Am Anfang war ich natürlich nervös, aber doch nicht so heftig wie bei den vorigen Prüfungen. Auf der Skala 1 bis 10 etwa 4. Nach der Begrüßung habe ich dem Prüfer wie ausgemacht von meiner Prüfungsangst erzählt, und was ich mir dagegen überlegt habe. Ich wollte Pause machen, wenn meine Konzentration nachlässt, und in kritischen Situationen hatte ich vor, laut zu sprechen. Der Prüfer fand das gut, dass ich als Prüfling versuche, auf meine Prüfungsangst günstig einzuwirken. Als ich dann losfuhr, merkte ich, dass meine Angst langsam verschwand. Aber ich hatte einen Notfallplan im Kopf, was ich tun würde, wenn ich an Fehler denke und meine Gedanken abschweifen. Ich musste nicht laut sprechen, aber ich hätte es getan. Aber es ist ja kein schlimmer Fehler passiert.
F: Was war mit den Magenbeschwerden?
P: Nichts. Wir hatten etwas kaltes Wasser dabei. Davon habe ich vor Beginn noch ein paar Schlucke getrunken. In den Rotlichtpausen habe ich Muskelentspannung durchgeführt. Das hat auch sehr geholfen.
F: Ja, ja, Angsthasen lieben das Rotlicht. Was hat Dir noch gut getan?
P: Ihr habt Euch angeregt über Urlaub unterhalten. Dadurch entstand keine Stille, als ob Ihr mich angespannt beobachtet. Das hätte mich gequält.
F: Aber die Beobachtungs-Stille haben wir doch vorher geübt!
P: Ja, ich weiß, ich fand es damals trotzdem unangenehm. So war es besser.
F: Wir hatten bei der Prüfstelle einen Ersatztermin vereinbar. So konntest Du auch in Ruhe durchfallen.
P: Das trug zur Entspannung bei. Dennoch bin ich jetzt froh, dass wir den Termin nicht brauchen.
F: Der Prüfer hat Dich gelobt, weil Du so gut gefahren bist, und Dir dann den Führerschein überreicht. Wie war Dir da zumute?
P: Ich war glücklich.
F: Ich musste Dich umarmen, ich habe mich sehr gefreut für Dich.
P: Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht über die Prüfung.
F: Jetzt bin ich gespannt!
P: Das sollte man künftigen Prüflingen sagen. Sie sollten nicht denken: „Ich habe Angst vor der Prüfung.“ Sondern: „Ich freue mich auf die Prüfung. Da kann ich zeigen, wie gut ich fahre.“
F: Das ist ein schöner Gedanke. Aber wir sollten die Angst nicht ganz ausschließen. Sie gehört dazu. Die Angst hat ja auch etwas Gutes. Man muss sie nur vernünftig kontrollieren. Und das hast Du heute geschafft. Ich danke Dir für Deine Mitarbeit bei der Ausbildung und für das Interview. Was wirst Du jetzt tun, zurück nach Leipzig fahren?
P: Nein, nicht gleich. Ich mache zuerst noch eine Woche Urlaub hier in Berlin.
F: Den hast Du wirklich verdient!