Bericht einer ehemaligen Angsthäsin über ihre Autopraxis

 


"Es tut mir gut, mich ins Auto zu setzen und zu fahren." 

Ehemalige Angsthäsin wird selbstbewusst:
Bericht über ihre Autopraxis

Vorbemerkung: Gabi arbeitet in Bremen, war Mitte 2007 bei uns. Untergebracht war sie in der Wohngemeinschaft bei Lydia (ehemalige Bürosekretärin). Gabi hat bei uns fleißig geübt und ihre Ängste vor dem Fahren abgebaut. Sie hat uns mehrere Berichte über ihre weitere Fahrpraxis in Bremen geschickt. Viele Angsthäsinnen müssen auch hinterher noch mit einer gewissen Grundangst leben, die durch fleißige Fahrpraxis allerdings gut zu beherrschen ist. Gabi berichtet, dass es ihr gut tut, sich ins Auto zu setzen und zu fahren. Dafür hat sie auch eine Menge getan: Lange, tägliche Fahrten, unter vielen erschwerenden Umständen: Fahrten auf der Autobahn, bei Regen, bei Schnee, unbekannte Strecken. Jedenfalls finden wir von der Fahrschule das natürlich sehr schön, herzlichen Glückwunsch, Gabi!

Gabis Bericht wurde hier veröffentlicht am 15.02.2008.

 

Lieber Frank, liebe Lydia, liebes Fahrschulteam,

hier nochmal ein Bericht vom Ausbau meiner Autofahrpraxis.

Mittlerweile habe ich den Wagen seit drei Monaten und bin heute den 3000. Kilometer gefahren. Alleine durch die Fahrten zur Arbeit kommen pro Woche ca. 200 km zusammen. Dieser vertraute Weg geht ohne Probleme. Nach und nach sind dann ja auch erschwerende Bedingungen dazu gekommen: das erste Mal im Dunkeln zur Arbeit, das erste Mal im Dunkeln nach Hause, das erste Mal im Dunkeln bei strömendem Regen (ätzend!), morgens Eis kratzen, abends im dicken Schneegestöber mit 30 km/h über die Autobahn schleichen, Stau auf der Autobahn, das erste Mal mit dem Wagen zum Friseur und in einem mir nicht so vertrauten Stadtteil einen Parkplatz suchen (und finden!). Alle diese Herausforderungen habe ich ohne allzu große Schwierigkeiten gemeistert.

Na gut, ich geb's zu: manchmal ist mir doch ein bisschen warm geworden... Insgesamt bin ich total glücklich darüber, jetzt an dieser für mich so lange "mystischen" Angelegenheit "Auto fahren" teilzunehmen. Am Mittwoch muss ich mit dem Wagen zu dem Händler, wo ich ihn gekauft habe, da gibt es dann den kostenlosen 3-Monats-Check. Heute habe ich mir ein weiteres Mysterium erschlossen und bin alleine über ein Autobahnkreuz (das Bremer Kreuz) gefahren. Ein ruhiger Sonntagmorgen bot sich an, um mir das alles in Ruhe anzugucken. War nicht schwierig. Langsam erweitere ich meinen Radius immer mehr und jede Fahrt in unbekanntes Gebiet übt ja auch für weitere Fahrten in andere unbekannte Gegenden. Irgendwann werde ich mich auch trauen, in die Innenstadt zu fahren und dort einen Parkplatz zu suchen. Und irgendwann werde ich auch mal eine längere unbekannte Strecke fahren. Insgesamt bin ich zufrieden mit dem was ich bisher erreicht habe.

Vor einiger Zeit hat Christin mich ja angerufen und gefragt, ob ich für ein Interview mit der "Bild der Frau" zur Verfügung stünde. Das wollte ich nicht, weil alles was mit der BLÖD-Zeitung zu tun hat, für mich absolut tabu ist. (Wer mit 14 Wallraffs "Aufmacher" gelesen und verstanden hat, ist einfach für's ganze Leben geprägt ;-)

Die Reportage auf RTL2 über die Ängste der Deutschen konnte ich am Tag der Ausstrahlung nicht sehen und hab sie später mit meinem Vater und seiner Frau gemeinsam auf Video geguckt. Leider kam der Beitrag über die Fahrschule ja ein bisschen kurz, besonders im Vergleich zu der Frau mit den kaputten Zähnen. Aber ich fand, dass Frank sehr authentisch rüberkam - die Fahrschülerin natürlich auch.

Aber der Stil dieser RTL2-Reportagen insgesamt ist schon furchtbar: dieses Hin-und-Her-Gezappe zwischen völlig verschiedenen Stories finde ich schwer zu ertragen. Und diesen Hypnotiseur halte ich für einen Scharlatan - und im Vergleich zu den anderen vorgestellten Ängsten, vermindert Angst vor Schlangen ja nicht die Lebensqualität. Oder man sollte sich dem Thema psychoanalytisch nähern und die Schlange mit Sexualität gleichsetzen, aber das führt jetzt hier eindeutig zu weit :-) Aber bestimmt habt ihr nach so einem Beitrag eine Menge Anfragen, oder? Und dann macht das Ganze ja auch Sinn.

Ich mache jetzt die erstaunliche Erfahrung, dass es mir gut tut, mich ins Auto zu setzen und zu fahren. Die Tatsache, dass etwas lange Zeit für mich so angstbesetzt war und ich das jetzt gepackt habe, macht mich zuversichtlich, auch die Schwierigkeiten im privaten Bereich bewältigen zu können. Die Angst vor dem Autofahren überwunden zu haben, hat bei mir einen erheblichen Zuwachs an Selbstbewusstsein zur Folge. In der Reportage fand ich die Frau mit der Höhenangst total bewundernswert. Wie die gekämpft hat! Ich konnte da gefühlsmäßig richtig mitgehen, hab auch mitgeheult!

Soweit das Wichtigste von mir. Ich wünsche euch allen eine schöne Weihnachtszeit und einen schönen Übergang ins neue Jahr. Bleibt alle gesund! Und Lydia, viel Glück bei allem was mit Referendariat und Umzug nach Köln oder Umgebung zu tun hat! Hast du denn schon Autofahren geübt?

Viele Grüße an euch Zweibeiner und einen dicken Schmuser an Sancho und Lukas von

Gabi


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