Praktikum als Fahrlehrer bei unserer Angsthasenfahrschule


Als Fahrlehrer umdenken

Bericht über ein Praktikum als Fahrlehrer bei unserer Angsthasenfahrschule

Wir möchten an dieser Stelle für alle interessierten Fahrlehrer berichten, wie ein Praktikum für Fahrlehrer an unserer Angsthasenfahrschule abläuft. Teilnehmer ist der Fahrlehrer Dieter W. (Name geändert). Dieter ist 52, Fahrlehrer für Auto und Motorrad und kommt aus dem Südwesten Deutschlands. Er nimmt eine knappe Woche (von Sonnabend bis Donnerstag) lang an der Betreuung von Menschen mit Fahrangst in unserer Fahrschule teil. Dieter ist schon zum zweiten Mal bei uns. Nach allen Betreuungseinheiten setzen wir uns zusammen und werten die Eindrücke gemeinsam aus.

Im Bericht schildern wir die Ereignisse einiger Praktikumstage.

Den Abschluss bildet ein Interview mit Dieter.


1. Tag, Sonnabend. Infoveranstaltung für Angsthasen

Eingeladen sind 10 Angsthasen, zugesagt haben 7, gekommen sind dann 6. Ein schöner Anfang. 

Von den sechs Anwesenden sind 5 Frauen, einer ein Mann. Diese Relation ist auch ein Maßstab für das Verhältnis insgesamt. Für alle ist ein Stuhlkreis aufgestellt, Tische bleiben außen vor. Zur leiblichen Stärkung gibt es Saft, Wasser, Kaffee, Kuchen und Kekse.

Zur Verbildlichung stehen Flipchart, Smartboard und PC mit großem Fernseher bereit.

Frank Müller begrüßt die Gäste, geht auf das Verhältnis Frauen - Männer unter den Angsthasen ein. Die Teilnehmer/innen beginnen sofort mit der Diskussion: Warum Männer so wenig vertreten sind? Weil sie ihre Angst nicht zeigen wollen? Weil sie ihre Angst anders ausdrücken?

Raser und Henker unterwegs? Verschiedene Fahrängste

Dann der erste Tagesordnungspunkt: Berichte der einzelnen über ihre Ängste. Die Situationen ähneln sich: Angst vor dem Großstadtverkehr, Angst vor Fahrstreifenwechsel, Angst vor Parkhaus oder vor Parken, Angst vor der Prüfung, Angst vor dem Auto. Die Situationen werden als eine Art Höllenszenario beschrieben. Das Auto ist unkontrollierbar, verhält sich dem Gefühl nach "wie eine Bombe"; bei der Autobahn lässt einen keiner rein, anhalten auf dem Beschleunigungsstreifen ist auch verboten; die anderen Verkehrsteilnehmer sind "Raser" oder "Henker". In dem aggressiven Tohuwabohu blickt niemand mehr durch, schwere Unfälle werden befürchtet.

Was ihre eigene Reaktion angeht, so fürchten sie den inneren Druck, sich dem schnellen Fahren zu beugen, und die Fülle der Informationen, die sie nicht mehr verarbeiten können. Kurz, sie fühlen sich unfähig.

Frank Müller schreibt die Berichte in gekürzter Form auf das Smartboard.

Beim Berichten fragen sich die Teilnehmer gegenseitig aus, ergänzen sich und sind lieb zueinander. Das ist für den Anfang ein sehr schönes Ergebnis. Denn allen geht es im allgemeinen so, dass die Öffentlichkeit ihre Fahrängste nicht für voll nimmt, sondern eher mit Spott oder Unverständnis reagiert. Und nun finden sie Interesse und Anteilnahme, das tut ihnen gut.

Möglichkeiten, die Fahrängste vernünftig zu kontrollieren

Dreieck Möglichkeiten der Angstbeeinflussung Nach einer guten Stunde, als alle berichtet und sich ausgesprochen haben, beginnt der zweite Punkt. Frank Müller stellt die Möglichkeiten der Bewältigung der Fahrängste vor. Gefühle, meint er, könne man nicht unmittelbar verändern, wohl aber über andere Ebenen positiv auf sie einwirken. Er malt diese Möglichkeiten in Form eines Dreiecks auf das Smartboard.

  1. Über die Ebene der Angstgedanken. Die vorher genannten Angstgedanken ("ich empfinde das Auto wie eine Bombe") unterstreicht er rot. Diese Gedanken könne man durch Gespräche und neue Erfahrungen ändern, in freundliche, wohltuende Gedanken. Bei diesem Vorhaben protestieren viele Teilnehmerinnen, aus ihrer Sicht sind Autos wirklich Bomben, andere Verkehrsteilnehmer wirklich Raser. Das gab schon mal einen freundlichen Streit und Gott sei Dank auch viel Gelächter.
  2. Über die Ebene der körperlichen Symptome ("ich schwitze", "ich habe einen Blackout", "meine Muskeln erstarren"). Die entsprechenden Symptome unterstreicht er blau. Diese zu heftigen körperlichen Symptome könne man durch Entspannungsübungen mildern. Alle finden das in Ordnung. Eine Teilnehmerin berichtet von der wohltuenden Wirkung lauter Gespräche bei ihren Fahrten.
  3. Über die Ebene des Verhaltens. Die meisten haben aus Angst aufgehört, zu fahren. Sie fürchten, nicht mehr sicher fahren zu können, in schwerste Unfälle zu geraten. Nun muss das sichere Fahren wieder geübt werden. Zusätzlich müssen in Betreuungsstunden die gefürchteten Situationen aufgesucht werden, aber vorsichtig, sachte, mit viel Entspannung. Wenn jemand Fehler und gefährliche Situationen befürchtet, dann müssen wir genau in diese Situationen wieder hinein fahren.

Wie verlaufen Betreuungsstunden?

Die Teilnehmerinnen wollten dann noch viel über Betreuungstunden wissen. Diese integrieren alle Möglichkeiten der Angstbewältigung: Es wird gefahren, sicher gefahren, Gefahrensituationen aufgesucht, in Gesprächen werden Angstgedanken gemildert, schließlich kommen auch Entspannungsübungen zum Einsatz.

Problemlösung: Wie kann es gelingen, die Angst vor dem selbständigen Fahren zu mildern?

F. Müller bittet nun den anwesenden Fahrlehrer Dieter, sein Problem zu schildern und die Diskussion zu moderieren. Die Anwesenden sollen sich selbst Gedanken machen, was dabei zu tun sei. Das finden diese zuerst erstaunlich, sie sehen aber schnell ein, dass sie selbst zur Lösung von Problemen beitragen müssen.

Dieter betreut schon lange eine Angsthäsin, die große Angst vor dem Alleinfahren hat. Er fährt mit ihr oft ihre Lieblingsstrecke, von ihrer Wohnung über eine Bundesstraße zu ihrer Arbeit. Sie hat große Angst vor dicht auffahrenden Autofahrern, vor Treckern, die sie zum langsamen Fahren zwingen, womöglich Staus hinter ihr erzeugen und den inneren Druck erhöhen, etwas zu unternehmen, was sie vielleicht nicht will - zu überholen.

Die Teilnehmerinnen überlegen nun gemeinsam. Lösungsvorschläge werden gemacht, die eher am äußeren Geschehen ansetzen: Die Angsthäsin soll vorsichtig an das  - von Dieter begleitete - Fahren im eigenen Wagen gewöhnt werden. Andere Lösungsvorschläge gehen auf die Angstgedanken der Angsthäsin ein: Ob es wirklich so schlimm ist, hinter einem Trecker herzufahren? Oder einen anderen Autofahrer auszuhalten, der ziemlich nah hinter ihr her fährt?

Jedenfalls reichlich Diskussionsstoff.

Was habe ich nach der ersten Veranstaltung des Praktikums mitgenommen?

Dieter äußert sich zum Schluss anerkennend über die Infoveranstaltung für Angsthasen. Er findet sie anschaulich, klar gegliedert. Aus dem von ihm moderierten Diskussionspunkt hat er viel Nutzen gezogen. Er veranstaltet selbst Aufbauseminare, insofern war ihm die Moderation der Beiträge nichts wirklich Neues. Aber die inhaltliche Diskussion hat ihm doch noch Lust gemacht, mit der von ihm betreuten Angsthäsin einige kleine Experimente zu wagen.

Was er sich wünscht, ist schnell und dringend eine übersichtliche schriftliche Anleitung für Fahrlehrer zur Fahrangstbewältigung.


Zweiter Tag, Montag. Mitfahren bei drei Betreuungsstunden für Angsthasen

1. Betreuungsstunde: Auffrischerin Laura, gleichzeitig etwa ängstlich.

Laura fürchtet Fehlbedienung des Fahrzeugs, beispielsweise Gas und Bremse zu verwechseln, dadurch Unfälle. Zusätzlich hat sie noch Orientierungsangst. Sie hat Angst davor, von zu Hause aus loszufahren, sich zu verirren, in der Aufregung wichtige Verkehrsereignisse zu übersehen, so dass es einen Unfall gibt.

Berganfahren und Rückwärtsrollen

Wir üben am Berg anzufahren, zu kriechen, mit der Kupplungswaage stehen zu bleiben. Ich "hupe", um sie unter Druck zu setzen. Wir üben Fehlbedienung: Laura gibt Gas und lässt die Kupplung nicht schleifen, der Wagen rollt zurück. Das ist für jeden Anfänger Anlass zur Panik. Oder Sie gibt sehr viel Gas, lässt die Kupplung schnell kommen, so dass der Wagen einen Satz nach vorne macht. Laura ist nach den Übungen erschöpft, aber sehr zufrieden.

Die Orientierungsangst wollen wir nächstes Mal  angehen, wir planen eine Fahrt von ihrer Wohnung aus mit der Einlage "wir verirren uns".

Dieter staunt und wundert sich über die Fehlerübungen. Es ist als Fahrlehrer bis jetzt nur gewohnt, Fehler möglichst zu vermeiden. Er hat schon viel gelernt.

2. Betreuungsstunde: Beate, Prüfungsangst, schlechte Verkehrsübersicht.

Beate hat bei einer anderen Fahrschule schon zweimal nicht bestanden. An einer  Kreuzung mit mehreren Fahrstreifen zum Linksabbiegen hat sie sich völlig vertan. Bei der nach dem Einführungsgespräch anschließenden Probefahrt stellt sich heraus, dass sie keine  Übersicht über komplizierte Verkehrssituationen hat und nach wie vor an Prüfungsangst leidet. Während der Testfahrt treten folgenden Symptome auf: Konzentrationsstörungen, Tunnelblick, Schwitzen, verkrampfte Muskeln. 

Die Prüfung ist für sie emotional überfrachtet, da sie hofft, mit gelungener Prüfung endlich einen Job zu finden und ihrer kleinen Familie zu helfen.

Links abbiegen mit mehreren Fahrstreifen - Übungen im regelrechten Verhalten und und Fehlerübungen

Beim ersten Versuch, an einer Kreuzung mit vielen Fahrstreifen nach links abzubiegen, macht Beate einen heftigen Fehler. Sie ordnet sich nach links ein, bemerkt ihren "Fehler", versucht beim Abbiegen nach rechts zu ziehen, obwohl dort neben uns schon ein Auto fährt.

Nun üben wir das Richtige: Beate ordnet sich rechts ein und kommt auch äußerst rechts an. Dann kehren wir um und beginnen mit den Fehlerübungen. Beate ordnet sich ganz links und bleibt links. Sie versucht nicht, "auf Biegen und Brechen" von links nach ganz rechts herüber zu ziehen. Dies ist wirklich kaum ein Fehler. Aber vielleicht doch, wenn der Prüfer zuvor gesagt hat: "Bitte links und anschließend rechts abbiegen!" Denn ganz links ankommend kann Beate unmöglich gleich wieder rechts abbiegen, so wie es der Prüfer eigentlich gewollt hat. 

Die Anweisungen des Prüfers nicht umzusetzen, ist für viele Prüflinge ein großer Fehler. In  Wirklichkeit ist dem nicht so, am wichtigsten ist immer noch die Verkehrssicherheit. Dennoch sollte Beate jetzt zur Klärung ein paar Worte sagen. Beate übt, dem Prüfer ein entschuldigendes Wort zu sagen: "Tut mir leid, ich hab das Rechtsabbiegen leider nicht geschafft!" Als "Prüfer" erwidere ich dann: "Ist schon in Ordnung, fahren Sie weiter."

Zum Schluss üben wir an einer sehr einsamen Kreuzung mit mehreren Fahrstreifen nach links das Abbiegen nach links mit Überwechseln nach rechts während des Abbiegens. Das wollte Beate in der Prüfung eigentlich so, weil sie ihren Fehler bemerkte hatte und wieder gut machen wollte. Diese Übung ist am schwersten umzusetzen, die zweite Variante vorher ist besser. Dennoch sollte wir diesen Vorgang üben, damit sie merkt, dass sie es schaffen kann.

Wir üben zuerst beim Abbiegen das Schauen nach links und nach rechts. Anschließend üben wir das Überwechseln nach rechts, als sich eine große Lücke anbietet.

Zaubersprüche

Beate fühlt sich nach den Übungen schon etwas entlastet. Sie bittet für nächstes Mal um viel Parkübungen mit Korrekturen. Als Zauberspruch bekommt sie mit auf den Weg: "Was der Prüfer sagt, versuche ich, umzusetzen." Im Wort "versuchen" steckt die Möglichkeit und der Versuch, aber kein Muss. Der zweite Zauberspruch heißt: "Ich kann Fehler machen und wieder ausgleichen." Darüber wollen wir das nächste Mal sprechen.

Dieter fragt nach den Zaubersprüchen. Er möchte diese bei seiner Angsthäsin auch einsetzen.

3. Betreuungsstunde: Junger Mann mit Führerschein, nach der Prüfung sehr unsicher.

Der junge Mann kommt, wie der Fahrlehrer Dieter, aus dem Südwesten Deutschlands. Er fühlt sich nach der Prüfung sehr unsicher, hat Angst vor Unfällen und vertraut sich einer Fahrschule an. Der Fahrlehrer missverkennt seine Situation völlig, schimpft mit ihm über mangelnde Fahrzeugbedienung und traktiert ihn mit Schaltübungen.



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