Regina überwindet ihre Angst vor der Autobahn
"Ich dachte, die anderen Autofahrer seien rücksichtslos!"
Regina überwindet ihre Angst vor der Autobahn. Interview
Abkürzungen:
R = Regina, Journalistin und ehemalige Angsthäsin
F = Frank, Angsthasenfahrlehrer
Vorbemerkung: Als Regina sich an uns wandte, hatte sie eine lange Vermeidungsgeschichte hinter sich. Sie hatte Angst davor, auf die Autobahn zu fahren, auch mit dem übrigen Fahren ging es immer schlechter. Dabei stand doch ein so schönes eigenes Auto vor ihrer Tür! Lesen Sie im Interview, wie Regina ihre Autobahnangst überwand. Das Interview wurde geführt am 03.11.2009.
Angst vor der Autobahn
F: Du hast Dich vor 5 Monaten an uns gewandt. Welche Ängste haben Dich damals geplagt?
R: Ich hatte Angst vor der Autobahn. Auch sonst lief es beim Fahren nicht mehr gut.
F: Was wäre denn Deiner Vorstellung nach passiert, wenn Du versucht hättest, auf die Autobahn zu fahren?
R: Ich wäre erst gar nicht reingekommen, keiner hätte mich reingelassen. Alle wäre sehr eng hintereinander gefahren und hätten gehupt. Dann hätte ich die Kontrolle verloren, ein Unfall wäre passiert.
F: Wie war es mit dem sonstigen Fahren?
R: Ich fuhr sehr ungern, nur notgedrungen.
F: Was hast Du unternommen?
R: Nichts. Ich habe die Autobahn 10 Jahre lang vermieden. Ich hatte aber immer ein schlechtes Gefühl dabei. Ich bin halt Zug gefahren. Die Züge waren oft sehr voll.
F: Was hat für Dich die Wende gebracht?
R: Ich fand meine Situation am Schluss absurd. Vor meiner Wohnung parkte ein schönes Auto, das ich immer weniger benutzte. Anfang 2009 begann ich mit der Suche nach einer passenden Fahrschule. Praktischerweise gab es Euch in Berlin. Aber erst im Juni 2009 war ich soweit, meine Gedanken in die Realität umzusetzen. Ich hatte Angst, ob ich das wirklich versuchen sollte?
Positive Beobachtungen
F: Was hat Dir die Ausbildung gebracht?
R: Wir haben vor jeder Autobahnfahrt angehalten und konkret über das Kommende gesprochen. Begonnen haben wir mit einer ruhigen, positiven Beobachtung von einer Brücke aus auf die Autobahn und eine Autobahneinfahrt. Dabei konnte ich sehen, dass meine quälenden Vorstellungen, die anderen Autofahrer seien Feinde und rücksichtslos, so nicht stimmten. Bei der Autobahneinfahrt wurden alle ankommenden Autofahrer heringelassen und mitgenommen. Ich war erstaunt, denn die Wirklichkeit stimmte nicht mit meinen Angstvorstellungen überein.
F: Was hat Dir noch geholfen?
R: Du hast zu Anfang Autobahneinfahrten gewählt, bei denen ich nicht gleich in die Autobahn fahren musste. Ich konnte auch nur beobachten und wieder abfahren. Das gab mir in der Praxis Vertrauen in meine neue Haltung. Denn ich konnte immer wieder beobachten, dass Autofahrer mich renfahren lassen wollten.
F: Das waren kombinierte Ein- und Ausfädelungsstreifen. Rechtlich etwas kompliziert, aber für Euch Angsthasen Gold wert. - Hatte der Unfall, den Du in Deiner Anfängerzeit erlebt hast, etwas mit der Autobahnangst zu tun?
R: Nein, nicht direkt. Aber es kam mir schon der Gedanke, ich könnte im Ernstfall die Kontrolle verlieren und alles falsch machen. Ich bin nach dem Unfall nicht viel gefahren. Nach der Maueröffnung und dem zunehmenden Verkehr wurde es noch schwieriger.
F: Du hast schon während der Ausbildung Hausaufgaben geübt. Wenn Du jetzt allein fährst, kommt die Angst wieder?
R: Wenn ich zum Parkplatz gehe, um loszufahren, schon. Aber sobald ich im im Auto sitze, verschwindet de Angst wieder.
F: So leicht geben die Ängste nicht auf. Aber durch die Praxis kannst Du sie bewältigen. Was ist, wenn Dir ein Fehler passiert?
R: Ich nehme mal als Beispiel das Verschalten. Früher habe ich dabei panisch reagiert, bekam Schwitzhände, starre Muskeln, die Konzentration war weg. Heute versuche ich, ruhig zu atmen und laut zu denken, z.B.: "Ich hab mich verschaltet. Das ist halt geschehen. Ich bleibe ruhig und suche den Leerlauf. Ich lasse mir Zeit und achte auf den Verkehr. Jetzt ist der Leerlauf drin, dann suche ich den passenden Gang."
F: Versuch doch mal, Dich bewusst zu verschalten. Das nimmt die Angst vor dem Fehler.
R: Das habe ich schon, allerdings nicht auf der Autobahn.
F: Was hat Dir das Stressbewältigungs-Seminar gebracht?
R: Wir haben unseren Anspruch kritisiert, wir müssten alles perfekt machen. Ich fand im Seminar ähnliche und ganz andere Probleme. Zusammengefasst war es hilfreich.
F: Sind Dir die Autofahrer nach der Ausbildung alle sympathisch geworden?
Vertrauensvollere Gedanken
R: Alle sicher nicht. Aber ich habe die Perspektive gewechselt, sehe sie aus einer ganz anderen Einstellung. Sie wollen genauso wenig wie ich Unfälle. Daher arbeiten alle in kritischen Situationen einigermaßen zusammen.
F: Du hast Deine alten, quälenden Gedanken überwunden. Wie hast Du während der Ausbildung das eigene Fahren begonnen?
R: Ich hab zuerst an den Wochenenden geübt. Leider habe ich am Anfang bei der Einfahrt in die Autobahn zu schnell herein gedrückt, fuhr zu hektisch. Ich hab's dann gleich nochmal probiert, da ging es besser. Beim Fahren musste ich oft über meine eigenen Befürchtungen lachen.
F: Das ist ein guter Tipp - über die eigenen Befürchtungen zu lachen. Wie oft fährst Du jetzt Autobahn?
Selbständiges Fahren
R: Ich spüre, dass ich noch regelmäßig üben muss, ca. zweimal in der Woche. Später hoffe ich, das lockerer zu sehen.
F: Macht es ein bisschen Spaß?
R: Es ist noch viel ernsthafte Arbeit, aber das kann ja noch kommen.
F: Was ist denn da für ein kleiner, netter Stoffhase am Schlüsselbund?
R: Den Hasen hat mir meine Freundin für die ersten Fahrten auf der Autobahn geschenkt. Ich soll ihn streicheln, wenn ich auf der Autobahn Angst habe.
F: Das ist aber nett. Vielen Dank für das Interview.