Ich habe meine Unfallangst überwunden (Interview)
"Habe ich alles richtig gemacht?"
"Endlich habe ich meine quälende Unfallangst überwunden." (Interview mit einer ehemaligen Angsthäsin über ihre Angst vor einem Unfall)
A: Antje, (ehemalige) Angsthäsin
F: Frank, Fahrlehrer
Vorbemerkung: Antje war von Beruf Krankenschwester, engagiert bei ihrer Arbeit. Dann wurde es immer schwieriger für sie, Auto zu fahren. Grund: Sie hatte Angst, einen Unfall zu verschulden, wurde von solchen quälenden Angstgedanken geplagt. Sie hatte die Sorge, Fußgänger oder Radfahrer im Verkehr zu übersehen, dadurch für einen schrecklichen Unfall verantwortlich zu sein. Sie ließ das Fahren schließlich ganz sein, suchte aber immer nach einer Möglichkeit, die quälenden Gedanken zu überwinden und wieder fahren zu können. Das Interview wurde geführt Anfang Januar 2010.
F: Welche Ängste haben Dich geplagt, bevor Du Dich entschlossen hast, zu uns zu kommen?
A: Ich hatte Angst, alleine zu fahren, keinen Überblick zu haben, nichts mit zu bekommen. Ich hatte Angst, womöglich einen schlimmen Unfall zu verursachen. Ich bin dann gar nicht mehr gefahren.
F: Wie lange dauert das schon?
A: Ich bin seit 18 Jahren nicht mehr gefahren, höchstens mal ein bisschen bei meinen Eltern auf dem Land. Eigentlich macht mir das Fahren Spaß.
F: Welche körperlichen Symptome hättest Du gespürt, wenn Du gefahren wärest?
A: Ich glaube nicht so sehr körperliche Symptome. Ich glaube, es wäre eher die Angst vor einem Unfall, etwas zu übersehen, andere zu übersehen, z.B. Radfahrer oder Fußgänger.
F: Kannst Du etwas zur Entstehungsgeschichte Deiner Angst erzählen?
A: Ich habe mehrere Unfälle beobachtet und Hilfe geleistet. An einen erinnere ich mich sehr eindrücklich. Wir fuhren auf der Autobahn, an dieser Stelle gab es keinen Standstreifen. Ein Lkw stand dort mit einer Panne, er ragte natürlich in die Fahrbahn. Ein Motorradfahrer mit Beifahrer fuhr mit hohem Tempo in den Lkw. Wir hielten hinter dem Lkw an, ich stieg aus und wollte helfen (ich bin Krankenschwester). Beide, Fahrer und Beifahrer, lagen auf der Fahrbahn, der Beifahrer war schon zugedeckt. Der Fahrer lag im Sterben.
F: Hatten die beiden noch Helme auf?
A: Nein, die waren beim Unfall vermutlich weit weg geflogen.
F: Auch wenn Du hier nicht mehr helfen konntest, es war doch richtig, es wenigstens zu versuchen. Was ging denn da vor in Dir?
A: Ich dachte oft: „Der Motorradfahrer ist gestorben. Habe ich alles richtig gemacht. Hätte ich doch noch etwas für ihn tun können?“ Und ich dachte, warum muss gerade mir so etwas Schlimmes passieren?
F: Wie ging es weiter?
A: Schon vom nächsten Tag an bin ich nicht mehr gefahren. Ich dachte nur, so etwas kann ich anderen nicht antun. Das war eine schwere Stresssituation, ein Trauma, ich war geschockt. Und damit hat sich auch meine Angst vor dem Autofahren entwickelt.
F: Dennoch, der Gedanke, überhaupt zu helfen, ist doch gut. Auch wenn jemand stirbt, man kann ihn trösten, streicheln, in den Arm nehmen. Die menschliche Nähe macht sein Sterben nicht ungeschehen, aber tröstlicher. Was hast Du denn konkret für ihn getan?
A: Ich habe versucht, ihn zu reanimieren, Herzmassage gemacht. Ein anderer Helfer, der auch da war, hat die Atemspende versucht. Aber es hat ja nichts mehr genützt.
F: Dennoch, Ihr habt es versucht. Ihr habt ihn zwar nicht gerettet, aber vielleicht war durch die menschliche Nähe sein Sterben leichter, als wenn er ganz allein gewesen wäre. Als Krankenschwester hast Du sicher schon die Erfahrung gemacht, dass alle Bemühungen manchmal nicht mehr helfen. Dennoch ist es wichtig, sich zu bemühen und menschlichen Wärme und Beistand zu zeigen.
A: Dieser Vorfall ging tiefer als das, was ich in meinem Beruf erlebt habe.
F: Gingen Deine Selbstvorwürfe irgendwann etwas zurück?
A: Schon etwas. Aber ich hatte immer noch große Angst vor dem Autofahren. Mein Mann hat mich sehr aufgemuntert, es wieder zu versuchen. Aber ich wusste, allein schaffe ich es nicht. Ich brauche kompetente Hilfe.
F: Wie haben Dir die Übungen und unsere Gespräche geholfen?
A: Ich habe in vielen Situationen in den Fahrstunden gelernt, dass ich nicht allein im Verkehr bin. Andere denken auch mit und helfen mir. Ich bin nicht allein verantwortlich im Verkehr, sondern zusammen mit anderen. Dieser Gedanke hat mir gut getan.
F: Was war mit den quälenden Gedanken, Du würdest irgendetwas übersehen, dann käme es womöglich zu einem schrecklichen Unfall?
A: Die sind etwas milder geworden. Dann kam ein Vorfall bei einer meiner letzten Hausaufgaben, die wir zusammen besprochen hatten. Ich sollte selbständig mit meinem Auto in meiner Wohngegend üben.
F: Du kamst danach fix und fertig in die Fahrschule. Du hast eine rote Ampel übersehen und hast Dir natürlich Vorwürfe gemacht, was alles hätte passieren können. Wie ist das denn passiert?
A: Als ich auf die Ampel zufuhr, kam die Sonne von hinten, ich war unsicher, welche Ampelfarbe gerade leuchtete. Ich fuhr langsam weiter, war völlig unsicher, was ich tun sollte. Ich glaubte allerdings ziemlich sicher, dass die Ampel Rot zeigte.
F: Woher kam Deine Vermutung?
A: Andere Autos neben mir standen, außerdem habe ich im letzten Moment gesehen, dass die Ampel wirklich auf Rot stand. Dennoch war ich wie gelähmt, habe nichts unternommen, bin weitergefahren. Hinterher war ich geschockt. Die Gedanken, andere zu verletzen, brachen wieder auf. Ich fand es sehr schlecht, wieder zu fahren.
F: Du hast schon die richtigen vernünftigen Überlegungen gehabt. Aber Du standest unter dem Eindruck einer schweren Stressreaktion. Die Lähmung kannst Du damit vergleichen, dass sich ein Käfer in Gefahr tot stellt. Wichtig ist, in der Situation Deine vernünftigen Überlegungen laut zu äußern, damit das Gehirn nicht der Stressreaktion erliegt. Stress wird immer mal auftreten, aber dennoch muss es möglich sein, vernünftig zu bleiben. Grundsätzlich zu der Situation: Es gibt keinen Autofahrer, der nicht mal über Rot gefahren ist. Wie siehst Du das?
A: Ja, darüber habe ich nachgedacht. Ich kann nicht perfekt fahren, irgendwann gibt es schon mal einen Fehler. Dann passen hoffentlich die anderen auf.
F: Alle passen im Verkehr aufeinander auf, das ist doch ganz tröstlich. Zu Deinem Fehler kann ich Dir noch eine positive Überlegung mitgeben: Der Fehler war ja nicht, dass Du Rot nicht gesehen hast. Der Fehler war der Umgang mit der Stressreaktion. Daran kannst du jetzt weiter üben.
A: Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich meine Angstbewältigung nicht geschafft hätte ohne Euch, d.h. mit Hilfe einer speziellen Angsthasenfahrschule. Das hat mir Mut gemacht, immer weiter zu machen. Ihr habt mein Problem ernst genommen.
F: Danke für das schöne Kompliment. Der Mut kommt von innen heraus, das hast Du schon selbst geschafft. Aber wir können helfen auf dem manchmal schwierigen Weg. Alles Gute für Dich!