Hilfe gegen Prüfungsangst (Fahrprüfung)


"Ich habe dem Prüfer in die Augen geschaut"

Interview mit einem Prüfling über das Thema: Was hat mir gegen meine Prüfungsangst geholfen?

Vorbemerkung: Giovanni tat sich mit sich mit seinen Prüfungen schwer. Erst beim vierten Mal hat er bestanden. Bewunderswert die Zähigkeit, mit der immer weiter machte, bis ihm schließlich klar war, wie er Nervosität und Angst kontrollieren und mildern konnte. Entscheidend war für ihn die Kritik seiner Angstgedanken und die Auseinandersetzung mit seiner inneren Unruhe und Hektik. Er beschloss, nicht das vom Arzt vorgeschlagene Ritalin zu nehmen, sondern sich auf die einfachen, aber wirksamen Methoden der Nervositätskontrolle einzulassen: Gespräch mit dem Prüfer, lautes Ansagen seiner Nervosität, lautes Sprechen über seine Gefühle und sein Verhalten. Wichtig war ihm auch der  Blickkontakt mit dem Prüfer.

Datum des Interviews: 09.08.2011

G: Giovanni, (ehemaliger ) Prüfling, jetzt frisch gebackener Führerscheinbesitzer (Vorname geändert)

F: Frank Müller, Angsthasenfahrlehrer

F: Lieber Giuseppe, ich gratuliere Dir zur bestandenen Prüfung. Du hast Dir den Führerschein wirklich verdient. Du hast Dich schon etwas bis zum Führerschein geplagt, bei insgesamt vier Prüfungen. Wie kam es dazu?

G: Ich habe mich zu Anfang leider sehr unter Druck gesetzt. Viele andere hatten den Führerschein, ich noch nicht. Außerdem benötige ich ihn dringend wegen meines Berufs. Ich bin Filmregisseur. Da geht es eigentlich nicht ohne Führerschein.

F: Kannst Du erklären, warum man als Filmregisseur dringend den Führerschein braucht?

G: Man muss die schwere Ausrüstung transportieren. Wir filmen auch in Ländern, wo es kaum andere Transportmittel als das Auto gibt, beispielsweise in Australien oder in Russland.

F: Sehr interessant. Wir sollten zuerst von Deinen Prüfungen sprechen. Wie war es mit der ersten Prüfung?

G: Ich habe mich schon sehr unter Druck gesetzt, es sollte alles ganz schnell gehen, und ich wollte die Prüfung nur hinter mich bringen.

F: Warst Du gut vorbereitet?

G: Nein, eher nicht. Meine Fahrlehrerin hat mir dringend abgeraten, ich wollte trotzdem. Wir sind dann schließlich doch hingegangen, und ich bin prompt durchgefallen.

F: Du kannst nicht mit dem Kopf durch die Wand. Das ist Blödsinn, außerdem kostet es Dein Geld. Und das Selbstbewusstsein sinkt.

G: Ja, das habe ich eingesehen.

F: Erzähl mir von den weiteren Prüfungen.

G: Bei der zweiten Prüfung war ich gut vorbereitet. Ich übersah beim Abbiegen nach links einen Radfahrer. Der Fahrlehrer musste bremsen. Ich fühlte mich bei der Prüfung sehr hektisch. Bei der dritten Prüfung gab es wieder einen Fehler beim Abbiegen nach links. Ich wollte Abbiegen, trotz Gegenverkehrs. Wieder musste der Fahrlehrer bremsen. Und ich fühlte mich immer noch sehr nervös und hektisch.

F: Das ist schon auffällig, Du warst gut vorbereitet, hektisch, darauf hast Du nicht bestanden. Hast Du Dir Gedanken über Dich gemacht?

G: Ich fühlte mich in den Prüfungen voll innerer Unruhe. Es war so schlimm, dass ich schließlich beschloss, zum Arzt zu gehen. Der Arzt tippte auf ADHS. [Anmerkung: ADHS ist die Abkürzung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Betroffenen, meistens Kinder und Jugendliche, leiden an innerer und äußerer Unruhe und Störungen der Aufmerksamkeit. F.M.] Er wollte mir Ritalin verschreiben.

F: Ich bezweifle, ob die Diagnose richtig war. Außerdem gehört Ritalin zu den Betäubungsmitteln, damit hast Du im Verkehr nichts zu suchen. Es wäre gefährlich für den Fahrer. Du begibst Dich damit sozusagen in eine Art Tiefschlaf.

G: Ich weiß, ich hab's dann auch gar nicht genommen. Aber Du siehst an der Geschichte, wie verzweifelt ich war.

F: Das tut mir nachträglich leid für Dich. Was hast Du dann unternommen?

G: Ich war auch wegen privater Angelegenheiten deprimiert. Eine weitere Prüfung habe ich verschoben. Ich wollte nachdenken und zu mir kommen.

F: Inzwischen waren ja alle in der Fahrschule auf Deine Probleme aufmerksam geworden. Du bist vor Deiner nächsten Prüfung zu mir gekommen. Mir fiel sofort die Hektik auf, mit der Du beim Abbiegen in die Kreuzungen gefahren bist. Was war denn der Grund für das schnelle Fahren?

G: Ich habe mich unterbewusst unter Stress gesetzt, weil ich dachte, als guter Fahrer muss ich schnell fahren. Meine nächste Prüfung wäre sonst wieder in Gefahr gewesen.

F: Darum bist Du so hektisch in die Kreuzungen gefahren?

G: Ja. Aber ich war auch so innerlich sehr nervös.

F: Dein Kopf war beherrscht von einer Vorstellung, die Dich in die Irre geführt hat. Das hat Dich zwei Prüfungen gekostet. Wenn Du schnell fährst als Anfänger, dann kannst Du die Informationen gar nicht mehr vernünftig bewerten und richtig reagieren. Du bist schlicht und einfach überfordert. Wie siehst Du das jetzt?

G: Du hast mich aufgefordert, am Wochenende vor der Prüfung darüber nachzudenken. Das habe ich auch getan. Jetzt weiß ich, dass ein guter Fahrer nicht schnell fahren muss, sondern so, dass alle sicher sind.

F: Wie hast Du den schönen Gedanken konkret umgesetzt?

G: Ich habe mir fest vorgenommen, vorsichtig zu fahren, und ich denke, das hat geklappt. Ich wollte nun wirklich sehr ruhig fahren, lieber etwas behindernd als schnell. Vor allem beim Abbiegen nach links habe ich daran gedacht. Ich wollte dieses Mal wirklich ohne die schweren Fehler über die Kreuzung kommen.

F: (schmunzelt): Das langsamere Fahren kippte einmal beinahe in die andere Richtung, als Du bei Grün plötzlich gebremst hast. Aber im Grunde fühlte ich mich endlich sicher bei Dir. Was hat Dir gegen die Nervosität geholfen?

G: Ich habe mit dem Prüfer zu Beginn, wie besprochen, über meine Nervosität gesprochen, und was ich deswegen alles trainiert hatte. Das tat mir gut. Ich habe während der Prüfungsfahrt immer wieder den Stand meiner Nervosität angesagt. Manchmal hast Du auch danach gefragt. Er blieb aber erstaunlicherweise bei 2 oder höchstens 3. [Anmerkung: Die Skala reicht von 1 = ganz ruhig bis 10 = sehr nervös, Panik. F.M.].

F: Das Sprechen darüber hilft Dir, Dich vom Stress gedanklich zu distanzieren. Wie ging es denn mit dem lauten Sprechen? Das hat Dir ja während unseres Trainings noch etwas Mühe gemacht.

G: Das lief nun besser. Ich habe die Vorteile gemerkt, dass ich mich vor einer Aktion selbst vergewissern konnte.

F: Das laute Sprechen hat mir immer gezeigt, dass Du nicht im Stress versunken, sondern ansprechbar warst. Du konntest sogar gut mit dem Prüfer kommunizieren.

G: Da gab es eine nette Erfahrung. Die Einfahrt in die Autobahn habe ich gut hinbekommen. Dann bin ich aber weiter im dritten Gang gefahren. Das war sicher zu laut. Der Prüfer hat mich dann gefragt: „Wieviele Gänge hat denn das Auto?“ Darauf musste ich lachen und habe natürlich den fünften Gang eingelegt.

F: Welches Bild vom Prüfer hattest Du vorher?

G: Bei einer der vorigen Prüfungen hat ein Prüfer von einem Kollegen erzählt, bei dem alle Schüler an diesem Tag durchgefallen waren. Das hat mir schwer zu schaffen gemacht.

F: Ich verstehe, solche Geschichten sind nicht gerade aufbauend. Und wie war es dieses Mal?

G: Ich habe dem Prüfer vor dem Losfahren in die Augen geschaut, als er seinen „Monolog“ hielt. Dadurch hat er eine gleichwertige Stellung für mich gehabt, das hat die Nervosität verringert. Bei den vorigen Prüfern habe ich den Blickkontakt aus Nervosität gescheut, das hat natürlich die Nervosität vergrößert.

F: Nun hast Du es wirklich geschafft, darauf kannst Du trotz der Rückschläge stolz sein. Würdest Du den Surfern zum Schluss noch ein bisschen von Deinen Filmprojekten erzählen?

G: Es geht um die Atompolitik, wie sich Leute im Wendland, in Russland und in Australien dagegen wehren.

F: Wann werden wir Deinen Film zu sehen bekommen?

G: Voraussichtlich 2013 im Kino, anschließend dann im Fernsehen.

F: Vielen Dank, dass Du für die Besucher unserer Homepage von Deinen Erfahrungen berichtest hast. Und alles Gute für Deine Projekte.

 


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