Starke Prüfungsangst - wie ich es geschafft habe

Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte

Fünf mal in der Prüfung und starke Prüfungsangst - wie ich die Prüfung dennoch geschafft habe (Valeria)

Vorbemerkung: Valeria hat, bevor sie zu unserer Fahrschule kam, insgesamt fünf mal die praktische Prüfung versucht – und leider nicht geschafft. Dabei waren ihre Chancen eigentlich gut, denn sie hatte in Ihrer Heimat Weißrussland den Führerschein erworben und war jahrelang in der Hauptstadt Minsk mit dem Auto unterwegs gewesen. Leider konnte sie aus bürokratischen Gründen den weißrussischen Führerschein nicht in Deutschland bestätigen lassen. Sie musste also von vorne anfangen. Kein Problem, sie lernte fleißig. Jedoch wurde ihre Prüfungsangst immer stärker, je öfter sie in die Prüfung ging. Schließlich verzweifelte sie, hörte ganz auf. Einige Jahre später versuchte sie es bei uns.

Valeria machte die Prüfung mit uns Anfang Januar 2013. Den Bericht schickte sie uns am 23.01.2013

Hier beginnt der Bericht von Valeria:

Hier ist der kurze Bericht wie ich es geschafft habe. Bitte, wenn Sie es veröffentlichen, nur meinen Vornamen VALERIA schreiben, keinen Nachnamen. Ich habe es jetzt direkt aus dem Kopf runter geschrieben, ohne besonders viel zu überlegen, deswegen können Sie auch gern aus dem Text etwas löschen, wenn es zu lang ist. [Anmerkung: Wir haben nichts gelöscht, nur ein paar Zwischenüberschriften eingefügt. Frank Müller]

In Minsk bin ich täglich Auto gefahren

Vor 15 Jahren habe ich in meinem Heimatstadt Minsk, Weißrussland, den Führerschein gemacht. Minsk ist ungefähr genau so groß wie Hamburg, da habe ich dann drei Jahre täglich Auto gefahren. Dann bin ich nach Hamburg gezogen und durfte mit meinem weißrussischen Führerschein noch halbes Jahr Autofahren. Zu dem Zeitpunkt war mein Leben ohne Auto undenkbar.

Minsk, Straßenszene. Bildautor Mikkalai. Aus Artikel Minsk, WikipediaIn Hamburg fünf mal durchgefallen - es war reiner Horror

Deswegen habe ich direkt nach dem halbem Jahr in Deutschland mich in einer Fahrschule angemeldet, mehrere Stunden genommen, um zu lernen, wie soll ich mich bei dem Prüfung verhalten und anschließend 5!!! Mal nach einander durchgefallen. Ich musste schon Beruhigungsmittel nehmen, ich konnte nicht schlafen usw. - es war reiner Horror. Bei meiner letzten Prüfung in Hamburg konnte ich durch meine Tränen kaum die Straße sehen – ich bin gefahren und geweint, weil ich wusste überhaupt nicht, WAS soll ich machen und WAS soll ich nicht machen, um bloß die Prüfung zu bestehen. Es ging mir nicht um Fahrangst, ich hatte eine Prüfungsangst. Angst, dass wenn ich den Kopf einmal zu wenig nach links drehe, oder wenn ich nicht mit zwei Händen für einen Moment den Lenker halte – ist alles vorbei - weil so war es ja in Hamburg bei der TÜV Prüfungsstelle. Jede Kleinigkeit – und alles ist vorbei.

In Berlin bei der Fahrschule Schaffen Wir

Das war 2002. 2012 war ich so weit „beruhigt“, dass ich mich traute, es noch mal zu versuchen. Dieses mal in Berlin. Der Name der Fahrschule hat mir gut gefallen. „schaffen wir“, das war wie eine direkte Antwort auf meine Frage - ob es überhaupt für mich möglich ist in Deutschland, den Führerschein zu bekommen.

Herr Busch bei der Fahrschule schaffen wir ist ein toller Fahrlehrer – er hat mir oft gesagt - „das machst Du richtig“ , „das war sehr gut“, „wenn Du so bei der Prüfung fährst wie heute - wirst Du bestehen“- das hat mir das Gefühl gegeben, dass ich vielleicht doch die Prüfung bestehen kann.

Über das kommende Verhalten und die Nervosität laut sprechen, das hilft gegen Prüfungsangst bei der Fahrprüfung

Die Methode, um sich zu beruhigen habe ich bei der Fahrschule "schaffen wir" gelernt: Jede Bewegung die ich gemacht habe – habe ich laut angesprochen, einfach alles kommentiert. Ich habe gesagt sowas wie „ es kommt gleich eine rechts vor links Straße, dann fahre ich langsamer, lasse alle von rechts...usw.“. Ich habe auch laut gesagt, wenn ich nervös war, das hat mir sehr geholfen. Ich habe es glücklicherweise mit erstem Mal in Berlin geschafft - obwohl ich SEHR aufgeregt war. Ich glaube es hat mir sehr geholfen dass ich auch bei der Prüfung alles laut kommentiert habe und dadurch jedes Bewegung genau kontrolliert habe und vor allem hatte ich selber das Gefühl gehabt - alles unter Kontrolle zu haben.

Der Fahrlehrer hatte Zutrauen zu mir

Herr Busch war eine große Hilfe bei der Prüfung, manchmal hat er mir dann gesagt - „alles ist gut, fahr genau so weiter.“ Als ich am Ende vom Prüfer gehört habe, dass ich BESTANDEN habe - konnte ich vor Freude nur weinen, weil es so ein langer und schwieriger Weg war.

Liebe Grüsse und noch mal Danke!

Valeria


Kommentar - wir können viel tun, um Prüfungsangst bei der Fahrprüfung zu bewältigen

Ein alter Fahrlehrerspruch lautet: "Deinen Schüler kennst Du, Deinen Prüfling nicht!" Soll heißen, für Fahrlehrer ist es jeweils sehr überraschend, was nervöse Fahrschüler in der Fahrprüfung so treiben. Wenn die Schüler vorher beispielsweise beim Parken gut aufgepasst und richtig einparkt haben, dann ist in der Fahrprüfung plötzlich eine Leere im Kopf da: Wie parke ich überhaupt ein?? Hilflosigkeit, Versagensanst, Verzweiflung. Nichts klappt plötzlich mehr, und sei die Lücke noch so groß. Wir haben uns jedoch mit diesem resignierenden Spruch der Fahrlehrer noch nie abgefunden. Wir versuchen vielmehr, die Prüflinge zu verstehen und ihnen zu helfen.

Unter dem Druck der Leistungsanforderung in der Fahrprüfung entsteht Stress, Nervosität bis zum Blackout - aber muss man sich damit abfinden? Nein, sagen wir. Unsere Schüler lernen, sich bei Nervosität zu helfen. Was wir zusammen mit unseren Schülern tun können - und was man möglichst nicht tun sollte (siehe Hamburg):

  1. Prüfungsangst
    Bei jeder Prüfungsfahrt wird vom Prüfling eine bestimmte Leistung gefordert, das Kfz sicher durch den Verkehr zu steuern. Fehler sollte es dabei möglichst keine geben, zumindest keine schweren. Auf diese Drucksituation reagieren Prüflinge je nach Vorgeschichte sensibel, fürchten gerade, Fehler zu machen und zu versagen. Jeder kleine Fehler, so auch Valeria, ist dann ein Fehler zu viel. Valeria hat die ersten Fahrprüfungen noch ganz hoffnungsfroh begonnen, mit den weiteren verlorenen Prüfungen steigerte sich aber ihre Prüfungsangst. Damit einher gehen starke Nervosität und Schwinden der Fahrfähigkeiten.
  2. Psychische Katastrophe - warum hilft denn niemand?
    Bei ihrer letzten nicht bestandenen Prüfung in Hamburg ist Valeria von Prüfungsangst überschwemmt worden. Sie fährt blind vor Tränen mit dem Fahrschul-Pkw durch Hamburg. Sie sieht nicht mehr richtig, traut sich nichts mehr zu, die Gefühle des Versagens überschwemmen sie, im Kopf rasen die Gedanken (Fehler - kein Fehler?), die Konzentration ist weg - psychische Katastrophe.  Nun ist abzusehen, dass gleich ein wirklich schwerer Fehler eintritt. Sie müsste sich jetzt mit letzer Kraft selbst retten, rechts heran fahren, Pause machen. Das schafft sie nicht. Aber warum hilft ihr denn niemand der beiden anderen Insassen - Fahrlehrer oder Prüfer? Warum hat hier niemand - weder Fahrlehrer noch Prüfer - etwas getan oder eingegriffen? Hatten sie kein Mitleid? Haben sie ihren Zustand womöglich gar nicht bemerkt, war ihnen nicht klar, dass sie in diesem Zustand sowieso keine Leistung zeigen kann und nicht verkehrssicher fährt? Im Gegenteil, dass etwas hätte passieren können?? Wie kann man angesichts dieser schlimmen Situation einfach weiterfahren?
  3. Hilfe bei Verzweiflung, Versagenängsten, Tränen
    Verzweiflung, Versagungsängste, Tränen in der Fahrprüfung - das sollte es gar nicht geben. Wenn es dennoch so weit kommt, dann haben Sie einen Notfall. Immerhin, auch in dieser Situation lässt sich noch etwas tun. Beobachten Sie Ihren Prüfling aufmerksam, damit Ihnen solche dramatischen Veränderungen des Zustandes nicht entgehen. Als Fahrlehrer sollten Sie sich jetzt einschalten, Valeria ansprechen, sie beruhigen und nach rechts in eine Parklücke lotsen.
    Dann sollten Sie Valeria trösten, ihr ein Taschentuch reichen, sie weiter beruhigen. Anschließend müsste gemeinsam geklärt werden: Reicht die Pause zur Beruhigung? Oder geht jetzt gar nichts mehr? Das kann nur Valeria beantworten. Im ersten Falle fährt Valeria weiter in der Prüfung. Im zweiten Falle müsste der Prüfer abbrechen. Das ist rechtlich etwas völlig anderes als nicht bestanden. Dann fährt auch nicht Valeria, sondern der Fahrlehrer sie alle zurück zur Prüfstelle.
  4. Im Vorfeld für Beruhigung sorgen
    Das  wichtigste Ziel ist: Wir wollen es gar nicht so weit wie bei Valerias letzte Prüfung kommen lassen. Wir wollen die Angst auf erträglichem Niveau halten und kontrollieren. Wenn das nicht mehr geht, machen wir lieber eine kurze Pause. Wir empfehlen, dass Prüflinge  bei Nervosität diese laut ansprechen und auch den Grad der Stärke benennen (auf einer Skala von 1 - 10). Durch das laute Ansprechen wird die Nervosität etwas objektiviert und nicht mehr so übergreifend. Außerdem bekommen Fahrlehrer und Prüfer gleich mit, was los ist. Man kann vorher aushandeln, dass bei Nervositätgrad über 6 oder 7 eine Pause gemacht wird. Außerdem empfehlen wir das von Valeria erwähnte laute Sprechen. Solange laut gesprochen wird, geht der Atem einigermaßen ruhig, das vernünftige Gehirn arbeitet, plant und versinkt nicht im Stress. Das Versinken wäre ja gerade der Zustand des Blackouts, der gefährlich ist.  Das laute Sprechen muss man systematisch üben, denn die Schüler empfinden es als ungewohnt und womöglich peinlich! Bei Zittern und Muskelkrampf empfehlen wir die progressive Muskelentspannung. Diese kann man auch in einer kleinen Fahrpause (Ampel rot) praktizieren.
  5. Fehlerangst, Prüferangst
    In ihrer Angst steigert sich Valeria in eine regelrechte Fehlerangst hinein. Einmal den Kopf zu wenig nach links gedreht oder kurz mal nicht mit beiden Händen am Lenkrad - solche Kleinigkeiten, so fürchtet sie, führen zum Aus in der Prüfung. Gerade die Prüfer in Hamburg beim TÜV, so glaubt sie, sind besonders versessen, Kleinigkeiten überzubewerten und die Prüflinge nicht bestehen zu lassen. Durch die Überbewertung von Fehlern werden auch kleinste  Fehler, die keine Rolle spielen, dramatisiert, die Stimmung kippt schnell ins Katastrophische um, wirkliche Fehler werden sich nun schnell einstellen. Fehlerangst ist der konkrete Ausdruck der Versagensangst, unter der diese Prüflinge leiden. Und die Fehlerangst wird befördert durch die Angst vor dem überkritischen Blick des Prüfers.
  6. Hilfe bei Fehlerangst und Prüferangst
    Autofahrer machen Fehler, desgleichen Fahrschüler und Prüflinge. Das ist völlig normal. Auf der anderen Seite streben Ausbildung und Prüfung beinahe den fehlerlosen Prüfling an. An dieser Spannung leiden unsere Prüflinge. Diese Spannung nehmen wir ganz bewusst an und bilden mehrgleisig aus:
  • Korrekte Ausbildung: Wir bilden korrekt nach dem Stufenplan aus, sorgen dafür, dass sich unsere Fahrschüler mit dem Auto sicher und umweltbewusst im Verkehr bewegenselbstbewusste junge Frau nach der Prüfung
  • Fehlerkorrektur-Übungen: Wir lassen uns auf die Fehlerangst unserer Schüler/ Prüflinge ein, gehen mit ihnen in Fehlersituationen hinein und versuchen diese zu korrigieren. Zu jeder Fehlersituation gehören vier Schritte: Fehlersituation - Beruhigung - Beobachtung - Fehlerkorrektur. Beispiel: Viele Prüflinge fürchten, in der Fahrprüfung den Motor abzuwürgen. Wir würgen nun ganz bewusst ab (zuerst im verkehrsruhigen Gebiet). Dann würgen wir im Verkehr den Motor ab, bei Ampelgrün. Ohne weitere Übung gäbe es nun hektisches Losfahren mit vielleicht weiteren Fehlern. Nach dem Abwürgen soll es aber zuerst zur Beruhigung kommen. Dann wird ganz bewusst beobachtet und schließlich los gefahren. Fehlerkorrekturübungen tragen wesentlich zur Beruhigung der Prüflinge bei.
  • Übungen gegen die Beobachtungsangst: Auch auf die übermäßige Beoachtungsangst wegen des Prüfers gehen wir ein. Wir erklären zuerst, dass sich die Prüfer an sich sachlich und freundlich verhalten. Wir lassen uns aber auch auf die Angst vor dem kritisch beobchtenden Prüfer ein und beobachten halt stumm, sogar mit Schreibzeug, unsere Prüflinge bei einer Testfahrt. Wir schauen sie bei einer belanglosen Handlung vielleicht bedeutungsvoll an, schreiben irgendwelche Notizen. Aufgabe unserer künftigen Prüflinge ist dabei, sich zu beruhigen, gleichmütig zu bleiben, auf den Verkehr zu achten. Und das klappt, sie gewöhnen sich ganz gut daran!

Auf die Hamburger Fahrlehrer geht Valeria nicht ein, aber es ist zu vermuten, dass sie jegliches Vertrauen in sie verloren hat. Lobend erwähnt sie dagegen unseren freundlichen Kollegen Jürgen Busch. Kollege Busch hat durch seine freundliche, verständnisvolle und aufbauende Art ihr angeknackstes Selbstbewusstsein wieder aufgebaut. Gegen ihre aufflackernden Versagensängste hat er sie immer mal wieder auf ihre guten Leistungen hingewiesen und ihr versichert, dass er ihr zutraue, diese auch in der Prüfung zu zeigen. In einem weiteren Schritt hätte er noch mit ihr ein Mantra, einen Zauberspruch gegen die Versagensängste einüben könenn. Beispielsweise: "Ich kann mich beruhigen. Ich fahre in der Prüfung sicher." Leider hat es dazu infolge Zeitmangels nicht gereicht.

Die vorigen Punkte der Angstbewältigung sind sehr wichtig. Aber wichtig ist auch dieser Punkt, der Aufbau des Selbstbewusstseins, denn nur so hat sie die innere Haltung und die Kraft, die Prüfung trotz aller früher erlebten Unglücke durchzustehen.


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