Eindrücke einer Angsthäsin beim Alleinfahren

Ich bin am gleichen Tag nach der letzten Fahrstunde allein gefahren

Erste Eindrücke einer Angsthäsin beim Alleinfahren nach der Betreuung in der Fahrschule Schaffen Wir

Wir haben die ehemalige Angsthäsin Lena gebeten, uns nach ihrer Betreuung bei uns einen kleinen Bericht über ihre ersten Alleinfahrten zu schreiben. Als Lena zu uns kam, litt sie an ihrer hektischen, unsicheren Fahrweise. Sie ließ sich zu sehr von anderen im Verkehr drängeln, verlor immer wieder den Überblick, geriet in gefährliche Situationen.

Lesen Sie ihren Bericht, verfasst im Januar 2013:

Ich bin sofort los gefahren

Hier nun ein paar Zeilen darüber, wie es mir nach Abschluss meiner Fahrschulzeit ergangen ist. Am Mittwoch, 19.12. hatte ich morgens meine letzte Fahrstunde und damit den Segen von Frank Müller, von nun an allein loszufahren. Im Grunde hatte ich keine Zweifel, dass ich es schaffen würde – nur vor meiner eigenen Nervosität hatte ich etwas Angst. Deswegen auch der Vorsatz, mich auf jeden Fall noch am gleichen Tag das erste Mal allein ans Steuer zu setzen und zu meiner Mutter zu fahren, um der Nervosität möglichst wenig Zeit zum Wachsen zu geben.

Autobahnende und große KreuzungDas war auch eine gute Entscheidung, denn nur wenige Stunden nach der letzten Fahrstunde bin ich dann tatsächlich ganz allein gestartet und war dann – bis auf die ersten Minuten – auch nicht allzu unruhig. Es lief alles glatt und ohne Probleme. Auf der Stadtautobahn war mäßiger Verkehr, aber ich habe mich an meinen Vorsatz gehalten, mich nicht hetzen zu lassen, und das hat prima geklappt. Bei meiner Mutter habe ich sogar direkt an der Hauptverkehrsstraße einen Parkplatz gefunden und konnte – da wurde die Nervosität dann kurz etwas stärker – ziemlich schnell und ohne allzu viel Rangieren in einer (für meine Begriffe nicht sehr großen) Parklücke einparken. Uff!

Der Heimweg war dann im Dunkeln, aber auch völlig problemlos. Abends war ich dann doch sehr erleichtert, dass meine erste eigene Fahrt so völlig glatt gegangen war. An den nächsten Tagen bin ich dann immer wieder allein losgefahren, zunächst kürzere Wege in der näheren Umgebung, danach dann auch etwas weitere Strecken. Jetzt fühle ich mich schon viel sicherer, die Nervosität ist zwar noch nicht ganz besiegt, wird aber immer weniger.

Partner-Probleme

Mit meinem Mann, dessen „Ratschläge“ ich leider beim Autofahren oft als wenig hilfreich, sondern als sehr verunsichernd empfinde, habe ich vereinbart, dass ich in der ersten Zeit lieber alleine fahre, bis ich die nötige Sicherheit gefunden habe.

Es wird vielleicht noch etwas dauern, bis ich das Autofahren als völlig selbstverständlich empfinde, aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg dahin. Wichtig scheint mir zu sein, oft und regelmäßig zu fahren und keine zu großen Zeitabstände zwischen den „Übungseinheiten“ entstehen zu lassen. Ich habe mir fest vorgenommen, mindestens zweimal pro Woche zu fahren, und bin deshalb schon oft „einfach so“ gestartet, ohne eigentlichen Grund. Bei längeren oder unbekannten Strecken habe ich mich schon ein paarmal vom Smartphone (Google-Maps Navigation mit Sprachausgabe, das Handy auf dem Beifahrersitz) durch die Stadt lenken lassen, das hat eigentlich ganz gut geklappt. Den Stadtplan habe ich zusätzlich immer griffbereit neben mir liegen.

Auf großen, unübersichtlichen Kreuzungen bin ich zwar nach wie vor etwas unsicher, aber auch das klappt jetzt immer besser. Auch das Einparken ist immer noch nicht so ganz mein Ding, aber ich bin schon mehrmals zum Üben in kleine Seitenstraßen oder auf einen großen Supermarktparkplatz gefahren, da kann man ganz gut immer wieder ein- und ausparken, ohne andere zu stören oder den Verkehr aufzuhalten. Jetzt geht es auch schon viel besser als am Anfang.

Regelmäßig fahren ist wichtig

Insgesamt würde ich allen Fahrschülern und „Angsthasen“ empfehlen: Je öfter man fährt, um so mehr lässt die Nervosität nach. Wie sagt man so schön: „Üben übt!“ Am Anfang am besten immer wieder vertraute Wege abfahren, notfalls nur kurze Strecken in der Nachbarschaft – Hauptsache fahren. Wenn es kompliziert wird, immer schön langsam bleiben und sich nicht drängen lassen, auch wenn mal jemand hupt.

Lautes Sprechen gegen die Nervosität

Gegen die Nervosität hilft (mir jedenfalls) der Trick, laut mit mir selbst zu sprechen, nach dem Motto „Da vorn ist rechts vor links, ich muss jetzt langsamer werden, bald müsste ich mich links einordnen, jetzt an der Ampel beim Abbiegen auf die Fußgänger achten, usw.“ Klappt wirklich! Kaugummikauen - so komisch es klingt - beruhigt mich auch, ebenso wie leise bis halblaute Musik bzw. Radio im Hintergrund. Jetzt hoffe ich, dass ich auch die letzten Reste der Unsicherheit noch besiege und sich nach und nach immer mehr Routine einstellt. Ich danke jedenfalls Frank Müller sehr für seine tolle Unterstützung und wünsche allen „Leidensgenossen“ viel Erfolg und drücke ihnen fest die Daumen.


Kommentar Frank Müller

Ich bedanke mich sehr für das Lob. Wir wissen inzwischen ziemlich sicher, dass die Bewältigung der Fahrängste bei der Fahrschule Schaffen Wir gut klappt. Aber gar nicht so gut ist die Frage zu beantworten, wie es hinterher weiter geht. Daher bitten wir möglichst viele Angsthäsinnen, uns von ihren ersten Alleinfahrten zu berichten. Wir möchten ganz konkret wissen, was ihnen am besten hilft, von allen Möglichkeiten, die sie bei uns kennen gelernt oder empfohlen bekommen haben. Die Berichte nützen auch den Angsthasen, die sie verfassen. Sie ordnen die Gedanken im Kopf, die Betroffenen merken nun besser, was wirklich hilft.

Vom Einfachen zum Schwierigen: Üben übt, anfangs vertraute Wege nehmen

Sofort und regelmäßig fahren baut Routine auf, ehemalige Angsthasen werden auch mit komplizierten Situationen besser fertig, bleiben gelassener. Lena empfiehlt mit Recht, zu Anfang vor allem vertraute Wege zu fahren. Und diese Wege haben wir auch vorher mit dem Fahrschulwage geübt. Aber nicht nur mit dem Fahrschulwagen, sondern auch mt de eigenen Wagen der Angsthäsin. So ergibt sich ein Programm der Angstbewältigung, wonach wir in immer kompliziertere und angstbesetzte Situationen fahren:

  • Wir beginnen mit dem Fahrschulwagen im  Gewerbegebiet
  • Wir fahren mit dem Fahrschulwagen in Wohnstraßen, in dicht befahrenen Straßen, in großen Kreuzungen
  • Wir machen mit dem Fahrschulwagen Testfahrten in verschiedenen Situationen. Bei Testfahrten hilft der Fahrlehrer nicht mehr
  • Wir fahren mit dem Fahrschulwagen vertraute Strecken der Angsthäsin, auch im Testmodus
  • Wir fahren mit dem eigenen Wagen der Angsthäsin in einfachen, dann in schwierigen Situationen
  • Wir fahren mit dem eigenen Wagen im Testmodus
  • Wir fahren mit dem eigenen Wagen die gewünschten, vertrauten Strecken, schließlich auch im Testmodus
  • Hausaufgabe: Die Angsthäsin bekommt die Hausaufgabe, die gewünschte, vertraute Strecke allein zu fahren

Wenn die letzte Übung klappt, dann ist nähert sich das Programm zur Betreuung der Fahrangst seinem Ende. Nun kann die Angsthäsin in Zukunft weiter allein fahren, die vertrauten Strecken, aber auch weitere Strecken, wie Lena schreibt.

Sofort fahren, regelmäßig fahren = Nervosität senken

Eine ehemalige Angsthäsin, Lehrerin, sprach von einem "Teufelchen", das sie plagt und ihr einredet, ihre Fahrten doch nicht anzutreten. Gründe dafür gibt es genug: Benzin sparen, Umwelt schützen, noch einmal über alles nachdenken, Unfallgefahr natürlich. Sogar auf den letzten Metern vor der etwas ängstigenden Autobahn meldet sich das Teufelchen und weist auf einen Parkplatz hin, auf dem man ausruhen und alles überdenken könne.

Nichts gegen Parkplätze und Ausruhen. Doch hier handelt es sich um eine für uns schädliche Einflüsterung, die altbekanntes Vermeidungsverhalten erreichen will. Nichts da, sagt Lena, sofort und regelmäßig fahren übt und hilft, die Nervosität zu senken. Wir stoßen hier auf den selben Zusammenhang, den wir auch beim Üben in der Fahrschule erleben. Oft kommen die Angsthasen sehr grau in der Fahrschule an, hoch nervös, die Intensität der Nervosität in Zahlen bis zu 7 oder 8 (auf einer Skala von 1 bis 10). Im ruhigen Gewerbegebiet steigt die Nervosität womöglich ein  bisschen. Dann beginnen die einfachen Fahrten, Umgang mit Kupplung, Gaspedal, Bremse und Schalthebel sind gefragt. Und plötzlich kehrt Ruhe ein, oft von der Betroffenen gar nicht bemerkt.

Lena hat diesen beim Üben in der Fahrschule bemerkten Zusammenhang schon oft erkannt und verinnerlicht. Sie weiß, dass es vor der Gefahr erst einmal losgeht mit hoher Nervosität, dann allerdings die Nervosität sinkt, wenn sie sich in die Gefahr begibt.

Die Nervosität  würde auch sinken, wenn sie sich nicht  in Gefahr begäbe. Das ist ja gerade die Belohnung fürs Vermeiden, das süße Gift. Doch im ersten Fall - Hineinbegeben in die Gefahr - hat sie den Vorteil, dass die Nervosität langsfristig sinkt, und dass dadurch die Gefahr nicht mehr als Gefahr, sondern als normale Situation erlebt wird. Im anderen Fall - Vermeiden - steigt die Nervosität langsfristig an und macht es schließlich unmöglich, die Gefahr überhaupt noch aufzusuchen.

Partnerprobleme,  drängelnde Autofahrer

Viele Angsthasen leiden unter drängelnden Autofahrern. Wenn sie dem Druck nachgeben und schneller fahren, geraten sie wegen der Informationsflut schnell in Verwirrung und Hilflosigkeit. Fehler häufen sich, die Unsicherheit steigt, eine kleine Katastrophe droht. Die Hektik beim Fahren wird verstärkt durch drängelnde Partner. Nun hat man den drängelnden Autofahrer neben sich auf dem Beifahrersitz.

Drängelnden Autofahrern wie auch Partnern auf dem Beifahrersitz ist es unverständlich, dass jemand im Straßenverkehr langsam und vorsichtig fährt, statt Gas zu geben, sich dem Verkehrsfluss anzupassen. Nun müssen sich die Angsthasen entscheiden: Langsam fahren, Vorteile genießen, da die Informationen ruhig bewertet werden können - aber die anderen öfter mal behindern und etwas säuerlich stimmen? Oder schnell fahren, sich anpassen - aber nichts auf die Reihe bekommen, vewirrt sein, in Unfallsituationen hineinfahren?

Lena wird sich für die erste Variante entscheiden müssen, die zweite ist auf die Dauer undenkbar, erzeugt immer mehr Angst. Das sieht sie auch abstrakt ein, aber in der Praxis gab es doch genug Widerstände.

Lena kam zu uns, fuhr sehr hektisch. Es war eine ständige Herausforderung, ihr klar zu machen, dass dieser unfallträchtige Fahrstil Resultat der ewigen Drängelei hiner und neben ihr war, und nicht ihrem eigenen Wunsch und ihrem Können entsprach. Getrieben von den anderen und vom schnellen Verkehrsfluss übersah sie, dass die Ampel schon auf Rot war, oder zog beim Fahrstreifenwechsel eiligst nach links, ohne rechtzeitig nachzuschauen und zu überlegen. Resultat war oft wütendes Hupen. Im Gespräch ließ sich dann schon klären, dass dieser Fahrstil gefährlich ist. Mehr half ihr aber die Erkenntnis und die Erfahrung, dass der neue Fahrstil rechtlich in Ordnung und eigentlich ganz angenehm war. Das von ihr befürchtete Behindern und Ärgern der anderen Autofahrer war gar nicht so schlimm. Die meisten konnten schnell ausweichen.

Dennoch bleibt es ein Problem, dass einzelne, uneinsichtige Autofahrer nicht ausweichen, sondern drängeln, immer näher heranfahren und womöglich fiese Gesten machen: Schlafgeste, Hände ringen, "weiche Birne" andeuten. Mehr nicht, aber das ist für manche schon schlimm genug. Tief atmen, laut sprechen, sich auf das Naheliegende konzentrieren, das hilft. Die Gesten sind letztlich harmlos, mehr kommt nicht.

Schwieriger war es mit ihrem Partner. Sie hat sich schließlich dazu durchgerungen, ihn bei den ersten Fahrten gar nicht mitzunehmen. Das schreibt sie in ihrem Bericht. Das ist Selbstschutz, den man gut verstehen kann. Wenn sie sich besser fühlt, dann kann sie ihn auch mal zu einer Fahrt einladen, aber zu ihren Bedingungen:

  • Er fährt hinten mit, nicht vorne auf dem Beifahrersitz
  • Er kommentiert den Fahrstil nicht, zumindest nicht laut
  • Alle anderen Themen sind erlaubt, aber Sprechpause sollte eingehalten werden, wenn die Angsthäsin diese braucht
  • Er bringt seine Beobachtungen, wenn es schon sein muss, auf Papier. Von seinen Beobachtungen muss mehr als die Hälfte positiv sein?
  • Kurz, er sollte zum Ausdruck bringen, dass er sich beim Mitfahren wohl fühlt


Fortsetzung