Prüfungsangst - beim fünften Mal bestanden

Prüfungsangst bewältigt, beim fünften Mal bestanden

Interview mit einer ehemaligen Fahrschülerin

Vorbemerkung: Die Fahrschülerin kam zu uns, etwa verzweifelt nach der vierten, nicht bestandenen Fahrprüfung. Sie fühlte sich nicht nur schlecht ausgebildet. Nach den vielen Prüfungen hatte sie sich auch eine Prüfungsangst eingefangen. Dabei war der Führerschein eigentlich dringend nötig.

F.M. = Frank Müller, Angsthasenfahrlehrer

Wl. = Wunderlampe (so wollte sie im Interview genannt werden)

Prüfung: Ende Mai. Aufzeichnung des Interviews: 22.06.2014


F.M.: Ich gratuliere zur bestandenen Prüfung. Das ist natürlich eine Freude. Könnten Sie unseren Surfern etwas über sich erzählen?

Wl.: Meine Familie stammt aus dem Irak. Wir wurden politisch verfolgt und mussten fliehen. Mein Mann und ich, wir sind IT-Spezialisten.

F.M.: Wozu brauchen Sie hier in Berlin den Führerschein?

W.l.: Wir haben zwei Kinder, ein drittes ist unterwegs. Da mein Mann oft weg ist, bin ich auf den Führerschein angewiesen, um die Kinder zu befördern. Das ist mit der BVG manchmal schwierig. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, will ich wieder in meinen Beruf einsteigen. Da brauche ich auch ein Auto.

Von einer Prüfung zur nächsten bekam ich mehr Angst

F.M.: Wie war es mit ihrer Führerscheinausbildung?

W.l.: Ich habe mehrere Führerscheinausbildungen erlebt. In den Fahrprüfungen fühlte ich mich immer schlecht ausgebildet. Von einer Prüfung zur nächsten bekam ich mehr Angst.

F.M.: Erzählen Sie doch bitte von Ihren Prüfungen.

W.l.: Mein Fahrlehrer hat mich zur ersten Prüfung viel zu früh angemeldet. Ich wollte nicht, fühlte mich überhaupt noch nicht reif für die Prüfung. Die Prüfung war schon nach ein paar Minuten zu Ende. Ich habe kaum etwas verstanden, fühlte mich nur schlecht. Dann habe ich mehr Stunden genommen, ich war inzwischen bei einem anderen Fahrlehrer. Dem war sein Auto heilig, er hat oft geschimpft, wenn ich es falsch behandelt habe. Bei der nächsten Prüfung hatte ich mehr Angst, ich fühlte mich sehr unsicher, hatte Angst vor dem Autofahren.

F.M.: Wir ging es in der Prüfung?

W.l.: Ich war sehr nervös, fuhr vor Aufregung viel zu langsam. Einmal stand ich ganz lange beim Zeichen, wo ich Vorfahrt gewähren musste. Ich kam einfach nicht weg, um mich herum fuhren alle anderen. Jedenfalls war ich dann durchgefallen.

F.M.: Verlief die nächste Prüfung besser?

W.l.: Nein, gleich schlimm. Ich hatte wieder denselben Fahrlehrer. Zwar mehr Stunden und fleißig geübt, aber wieder große Angst. Meine Hände zitterten, die Konzentration war weg. Ich fuhr von Anfang an sehr langsam. Dann ging es auf die Autobahn. Meine Angst wurde riesig, obwohl wir viel geübt hatten. Ich fuhr rein in die Autobahn, obwohl da eigentlich gar keine Lücke war. Als wir wieder raus aus der Autobahn fuhren, war die Prüfung zu Ende.

Auch bei der vierten Prüfung furchtbare Angst

F.M.: Wie ging es weiter?

W.l.: Ich ging zu einer anderen Fahrschule und übte mit einer Fahrlehrerin.

F.M.: Ich bewundere Ihre Zähigkeit. Jemand anderes hätte vielleicht schon aufgesteckt. Ging es besser mit der Fahrlehrerin?

W.l.: Wir haben sehr viel geübt, ich hatte wirklich ein sicheres Gefühl.

F.M.: Hat die Fahrlehrerin Sie durch Testfahrten auf die Prüfungsatmosphäre vorbereitet?

W.l.: Nein, das hat weder sie versucht noch die anderen Fahrlehrer vor ihr.

F.M.: Aus meiner Sicht ein schwerer Mangel. Aber erzählen Sie, wie verlief die vierte Prüfung?

W.l.: Als ich auf der Prüfstelle war und der Prüfer zu uns kam, hatte ich furchtbare Angst. Ich konnte kaum noch denken, meine Hände und Beine zitterten. Wir fuhren los, ich sah im Spiegel, dass sich der Prüfer Notizen machte. Ich dachte immer nur an Fehler. Meine Fahrlehrerin unterhielt sich mit dem Prüfer. Ich hörte, dass sie sich beklagte, dass in letzter Zeit ein paar Fahrschülerinnen durchgefallen waren. Ich dachte, was soll das, spricht sie auch von mir? Ich war aufgewühlt und nervös und übersah mehrere Schilder, auch ein Autobahnschild. Jedenfalls war ich wieder durchgefallen.

Gratulation zur fünften Prüfung

F.M.: Das tut mir leid. Aber jetzt haben Sie es mit unserer Hilfe geschafft. Der Prüfer hat Ihnen nichts geschenkt, wir sind lange gefahren und haben viele schwierige Situationen aufgesucht. Sie wurden sogar gelobt. Ein schöner Erfolg, ich gratuliere Ihnen herzlich. Was war aus Ihrer Sicht wichtig?

W.l.: Wir haben sehr gründlich geübt und viel gesprochen. Ich musste erst meinen eigenen Fahrstil entwickeln. Ein Fahrlehrer hat gesagt, ich soll schnell fahren, der andere, ich soll langsam fahren. Das war alles verwirrend. Vor dem Parken, dem Spurwechseln und der Autobahn hatte ich Angst. Das hat keiner richtig zur Kenntnis genommen.

Angststoffe üben

F.M.: Wir haben alle Angststoffe, die Ihnen Unbehagen bereiteten, mehr als gründlich geübt. Mir war klar, dass hier der Knackpunkt war. Vor allem beim Spurwechseln und bei der Autobahn spukte der Gedanke herum, „ich muss schnell fahren“. Das haben wir relativiert. Man kann den Fahrstreifenwechsel auch ganz gemütlich und vernünftig gestalten. Beim Parken war zu sehen, dass Ihnen die Raumeinschätzung und die Abläufe fehlten. Da musste einfach viel Training her. Wie haben Sie die unmittelbare Prüfungsvorbereitung und das Nervositätstraining gesehen?

Nervositätstraining

W.l.: Ich war vorher aufgeregt, habe gezittert, die Konzentration war weg. Sie haben mir beigebracht, laut über meine Nervosität zu sprechen. In Zahlen, von 1 – 10. 1 war ruhig, 10 Panik. Wenn ich vor Aufregung keinen Ton mehr heraus brachte, haben Sie den Punkt selbst angesprochen. Das kannte ich überhaupt nicht. Aber es hat mir immer mehr eingeleuchtet.

F.M.: Starke Angst und Stress machen uns nervös und kopflos. Dadurch entsteht auch Fehlverhalten. Durch lautes Ansprechen der Nervosität können wir wieder klarer denken. Ohne geht es nun mal nicht, das ist Bedingung. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir alle besser über Ihren Zustand Bescheid wissen.

Testfahren mit Beifahrern/ mit dem eigenen Mann

W.l.: Wir haben unglaublich viel Testfahrten gemacht, die habe ich zum ersten Mal erlebt. Auch Testfahrten mit Beifahrern. Am härtesten war die mit meinem Mann. Er hat mich scharf kritisiert, weil ich so langsam fuhr. Er ist geübter Autofahrer, aus seiner Sicht war das wirklich so. Aber ich war damals schon soweit, dass ich widersprechen konnte: „Das ist im Augenblick mein Fahrstil. Ich kann gar nicht anders, sonst würde ich mich überfordert fühlen.“ Das hat er nicht verstanden. Zum ersten Mal fuhr ich nicht getrieben von einem anderen, sondern ich hatte beim Fahren ein gutes Gefühl. Ich konnte alle Informationen in Ruhe bewerten. Das nahm mir die Angst.

F.M.: Ihr Mann war ein Ausrutscher, das hatte ich nicht so eingeplant. Am liebsten ist mir einfühlsame, konstruktive Kritik. Aber Sie haben gut reagiert. Wie wollen Sie Ihr Fahren jetzt weiter regeln?

W.l.: Ich will möglichst nicht gleich zusammen mit ihm fahren. Das wird mir zu stressig. Eine Freundin leiht mir ihren Golf.

F.M.: Sehr gute Idee. Nochmal zu den Testfahrten: Wir haben zum Schluss auch Testfahrten gemacht, in denen ich Prüfer gespielt habe. Und zwar genau den Prüfer, den Sie etwas bestürzt erlebt haben, der sich stumm Notizen gemacht hat. Am Schluss mussten Sie sogar über die Situation lachen. Beim Nervositätslevel waren Sie jedenfalls gegen Ende der Ausbildung eher ruhig. Und da Sie mehrere Testfahrten bestanden hatten, konnten wir Sie mit Ihrem Einverständnis zur Prüfung anmelden. Ein kleines Hindernis gab es noch.

W.l.: Ja, ich wusste nicht, wer am Prüfungsmorgen meine beiden Kinder hüten sollte. Es ist sehr nett, dass sich Jörg und Danielle von der Fahrschule dazu bereit erklärten.

F.M.: Es hat ihnen sogar Spaß gemacht. Die Kinder haben begeistert mit Fahrschulmodellen gespielt. Was war nun bei der Prüfung für Sie wichtig?

Angstkontrolle in der Prüfung

W.l.: Ich habe dem Prüfer zu Anfang von meiner Nervosität erzählt. Dabei habe ich erwähnt, dass ich einige Übungen gelernt habe, um nicht so nervös zu werden. Der Hinweis hat mir gut getan, Er wusste ja auch aus den Unterlagen, dass ich so oft schon durchgefallen war. Dennoch war ich nach der Vorstellung noch nervös, aber es ging einigermaßen.

F.M.: Wir hatten die Vorstellung im Rollenspiel geübt. Ich habe Prüfer gespielt, Sie haben sich mir mit dem Hinweis auf Ihre Nervosität vorgestellt. Es sollte keinesfalls nach Gebettel wegen des Führerscheins klingen, sondern selbstbewusst: „Ich bin zwar nervös. Ich weiß aber, was ich dagegen tun kann. Sie brauchen mir nicht zu helfen, das schaffe ich alleine.“ Wichtig ist auch, dass Sie Ihre Nervosität offenbart haben, dann fällt Ihnen alles leichter. Ohne den Hinweis auf Ihre Nervosität wären Sie wahrscheinlich viel nervöser gewesen. Wie ging es dann weiter? Immerhin ist der Anfang belastend.

W.l.: Die Ausfahrt aus der Prüfstelle fiel mir schwer, obwohl wir sie schon oft geübt haben. Man spürt den Druck, einfach schnell loszufahren, obwohl die Sicht noch nicht gut ist, oder vielleicht sogar Autos kommen. Ich habe ein paar Mal tief geatmet und mir Ruhe veordnet, dann ging es.

F.M.: Dann kam der T-Damm, viel Autoverkehr, dazwischen Radfahrer auf der Fahrbahn. Sie haben es gut geschafft. Wie?

W.l.: Das hatten wir vorher ganz oft geübt, langsam zu fahren, wenn ich nicht mehr rechtzeitig rüber kam. Ich wusste das darf ich, musste nicht hektisch nach einer Lücke suchen.

F.M.: Nach dem Abbiegen kam eine Schlüsselsituation. Vor Ihnen hielt plötzlich ein Autofahrer an, um nach links abzubiegen. Sie blieben hinter ihm stehen. Andere hinter uns hatten es noch rechtzeitig nach rechts in den dort leeren Fahrstreifen geschafft. Sie nicht. Sie blieben stehen und schauten in Ruhe nach rechts hinten, bis frei war. Dafür hat Sie der Prüfer gelobt. Wie sahen Sie das?

W.l.: Ich muss sagen, ich war schon ein bisschen hektisch. Aber ich habe laut gesprochen und mir den weiteren Ablauf klar gemacht, das hat mir Ruhe gebracht.

Autobahn – die Angst steigt

F.M.: Dann fuhren wir Richtung Autobahn. Wir wussten beide, das würde schwer werden, trotz viele Übungen. Da war einfach viel Angst da.

W.l.: Ja, ich hatte ganz schön Angst. Sie haben mich auf dem Einfahrstreifen gefragt, auf welchem Level ich bin, ich habe mich auf mehr als sechs eingeschätzt. Das ist viel. Das laute Ansprechen meiner Nervosität hat geholfen. Außerdem habe ich tief geatmet und darauf geachtet, nicht gleich hinein zu fahren. Ich kam gut in die Autobahn, aber die Angst blieb zu Anfang trotzdem.

F.M.: Ich weiß, ich hab noch einmal nachgefragt, sie blieb nach wie vor auf sechs. Aber, das behalten wir im Auge, ohne lautes Benennen wäre sie wohl höher geworden. Dann sollten Sie die Autobahn verlassen, am Ende der Autobahn nach links mit doppeltem Fahrstreifen links abzubiegen. Das haben Sie richtig erkannt. Sie blieben schlicht und einfach im rechten Fahrstreifen der beiden.

W.l.: Ja, diese Dinge hatten wir oft geübt. Aber meine Nervosität war dennoch hoch, nach wie vor sechs. Dann ging sie langsam wieder zurück, auf etwa vier.

Parken – ein kleiner Blackout wird bewältigt

F.M.: Der Prüfer ließ nach rechts in eine ruhige Wohnstraße abbiegen. Dort sollten Sie einparken, längs zum Bordstein, die Lücke war schön groß. Wie war das?

W.l.: Parken war ein weiterer Angststoff. Wir hatten Parken geübt und geübt, aber als ich die Lücke sah, ging es wieder los.

F.M.: Ich habe sowas gemerkt und Sie aufgefordert, laut zu sprechen.

W.l.: Das hat geholfen, ich kam einigermaßen in die Lücke, stand aber zu weit vom Bordstein entfernt. Ich zog nach vorne zur Korrektur. Jetzt hätte ich nach rückwärts rechts ziehen müssen, in die Parklücke hinein. Aber da riss bei mir der Faden, ich wusste nichts mehr, zog nach links. Das war falsch, soweit war es mir klar, aber ich hatte keine Ahnung mehr. Mein Gedächtnis war weg, ich sprach auch nicht mehr, war verzweifelt.

F.M.: Sie hatten einen leichten Blackout erlitten, der hat Ihr Gedächtnis gelähmt. Jetzt musste etwas geschehen. Ich habe an Sie appelliert, an Ihre Nervositätsübungen zu denken.

W.l.: Mir ging es in dem Moment nicht gut. Mir war nur neblig im Kopf. Ich habe Sie sprechen gehört, ich dachte, was ist bloß los mit mir. Dann habe ich auf jeden Fall tief geatmet, den Motor ausgemacht und laut gesagt, mir geht es nicht gut, ich bin nervös. Jedenfalls fiel mir wieder ein, dass ich nach vorne und dann nach rückwärts rechts ziehen muss. Das hat einigermaßen geklappt. Danach war ich erschöpft. Jetzt hätte eine Pause gut getan.

Links abbiegen, zwei Fahrstreifen nach links. Im Fahrstreifen bleiben!F.M.: Die hätten Sie sich gern wünschen können. Schade. Dann kam wieder eine schwere Stelle. Sie solte links abbiegen, bei zwei nach links führenden Fahrstreifen. Der rechte war durch Lastwagen verdeckt. Sie zogen rüber in den linken der beiden. Kurz vor dem Abbiegen haben Sie die Lage erkannt und laut zum Prüfer gesagt: „Ich fahre im linken Fahrstreifen und bleibe beim Abbiegen weiter links.“ Eine schöne Leistung, gut. Wie sehen Sie das?

W.l.: Wir haben das vorher geübt. Ich wusste natürlich dass ich normalerweise im rechten der beiden Fahrstreifen bleiben muss. Wir hatten aber auch die andere Sache besprochen und geübt, wenn ich in den linken der beiden Fahrstreifen gerate. Dann muss ich links bleiben.

F.M.: Schön. Aber Sie haben die Lage erkannt, sind ruhig geblieben, haben mit dem Prüfer kommuniziert. Wunderbar. Dann ging's zurück zur Prüfstelle. Ich hab Sie noch einmal nach Ihrer Nervosität gefragt: Sie waren auf fünf, also für Ihre Verhältnisse beinahe normal.

W.l.: Ich war nervös, aber irgendwie auch gelassen. Ich wusste, das mit dem Parken war nicht ganz so gut, aber irgendwie war ich doch gefasst. Vorwärts einparken war in Ordnung.

Gutes Ende und: Wie geht es weiter?

F.M.: Und dann kam der schöne Spruch des Prüfers: „Ihre Fahrt war in Ordnung, Sie haben bestanden.“ Was haben Sie in dem Moment gefühlt?

W.l.: Nur Glück, Freude, unbegreiflich: Ich hätte weinen können. Ich konnte es nicht fassen. Nach den vielen voran gegangenen Prüfungen, die alle schlecht ausgegangen sind.

F.M.: Ich freue mich sehr für Sie. Nun möchte ich Sie an das Weiterfahren erinnern. Ihr Mann hat sich ein bisschen als Problem erwiesen. Er wird Sie vielleicht drängeln. Das wäre Gift für Sie. Sie brauchen nach wie vor Ihren ruhigen Fahrstil.

W.l.: Entweder versuche ich es mit dem alten Golf der Freundin. Oder ich nehme unseren Familien-Volvo, aber ohne meinen Mann und ohne Kinder. Ich brauche am Anfang einfach meine Ruhe.

F.M.: Das hört sich gut an. Sie können sich gerne bei mir melden, wenn es Probleme gibt. Vom Fahren her sehe ich keine, Sie haben die Prüfungsfahrt so gut hinbekommen.

W.l.: Vielen Dank für die gute Ausbildung. Ich melde mich ganz sicher, auch wenn ich keine Probleme habe. Ich wünsche auch den anderen Fahrschülern alles Gute.

 


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