Bewältigung von Panik auf der Autobahn


"Ich hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden"

Wie lässt sich Angst vor Panik auf der Autobahn überwinden? Interview mit einer ehemaligen Angsthäsin

Abkürzungen:

E: Eva, ehemalige Angsthäsin, Rechtsanwältin (Vorname geändert)

F: Frank, Angsthasenfahrlehrer

Vorbemerkung: Eva wurde von Panikattacken und Angst vor Panik auf der Autobahn gequält, hat schließlich das Autofahren ganz vermieden. Weil sie privat und beruflich wieder fahren und vor allem diese Angststörung überwinden wollte, unterzog sie sich schließlich einer Therapie und wandte sich im Rahmen der Therapie an unsere Fahrschule.

Das Interview wurde aufgezeichnet am 10.06.2009.

Wie sich eine Panikattacke äußert

F: Warum bist Du zu uns gekommen?

E: Ich hatte beim Fahren auf der Autobahn Panikattacken, unerwartet und heftig. Dabei kam es zu Schweißausbrüchen, Atemnot, trockenem Mund. Ich hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, oder ich dachte, ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt.

F: Wie und wo ist es zum ersten Mal passiert?

E: Auf einer Fahrt von Berlin nach Potsdam über die Autobahn. Ich bin vor Schreck immer langsamer gefahren.

F: Wie ging es weiter?

E: E: In meiner Not schaltete ich Warnblinklicht an, fuhr auf den Seitenstreifen. Dort habe ich gewartet, dann wurde mir etwas besser. Ich wusste, ich konnte nicht mehr auf die Fahrbahn, sonst würde es vielleicht wieder losgehen.

F: Was hast Du dann unternommen?

E: Ich fuhr auf dem Seitenstreifen langsam weiter, mit Warnblinklicht, bis nach Wannsee. Dort bin ich rausgefahren.

F: Ist es nochmal passiert?

E: Autobahn bin ich dann nicht mehr gefahren, sondern nur noch durch die Stadt geschlichen. Beim nächsten Mal ist es mir auf der Bundesallee passiert. Ich konnte das Auto gerade noch einigermaßen einparken, dort habe ich es stehen gelassen.

F: Bist Du gar nicht mehr gefahren?

E: Immer weniger. Ich hatte große Angst vor diesen Panikattacken. In der Erinnerung waren es schreckliche Fahrten.

Lange Fahrvermeidung

F: Hast Du ganz aufgehört zu fahren?

E: Ja, ich bin drei Jahre lang gar nicht mehr Auto gefahren. Ich habe nur noch die öffentlichen Verkehrsmittel oder die Bahn benutzt.

F: Wie ging es Dir als Beifahrerin im Auto?

E: Da ging es mir zu Anfang noch gut. Doch im letzten Jahr erlebte ich auch als Beifahrerin eine Angstattacke.

F: Das hört sich an wie eine Rutschbahn ohne Ende.

Therapie - das Bild der Angst wird freundlicher

E: Ja, ich hatte das Gefühl, das wäre immer schlimmer geworden. Jedenfalls war das der Anlass, eine Therapie zu beginnen. Zuerst war ich noch beim Neurologen. Doch der fand nichts, sondern schickte mich zu einem Verhaltenstherapeuten.

 

Fahrt durch einen 2 km langen Tunnel - Überwindung der TunnelangstF: F: Was ist für Dich die wichtigste Erkenntnis aus der Therapie?

E: Es wurde mir letztlich klar, dass ich wieder mit dem Fahren beginnen muss, um meine Angst zu bewältigen. Parallel dazu habe ich Verhaltensstrategien gegen die aufkommende Angst kennen gelernt: Ruhiges Atmen und Muskelentspannung, langsameres Fahren, über die Angst reden.

F: Ihr habt sicher viel über die Angst geredet?

E: Ja, und ich habe durch die Therapie ein positiveres, freundlicheres Bild von meiner Angst erhalten. Ich sollte mich nicht mehr vor der Angst fürchten, sondern sie irgendwie annehmen.

F: Ich finde die Vorstellung, die Angst „anzunehmen“, gut. Außerdem, in der Rückschau hast Du doch bei dem ersten Vorfall auf der Autobahn ganz vernünftig gehandelt, trotz der Angst.

E: Ich habe mir dieses schlimme Ereignis oft durch den Kopf gehen lassen: Ich bin in Wirklichkeit nicht ohnmächtig geworden, ja, ich hatte sogar die Kraft, noch einigermaßen richtig zu handeln, langsamer zu fahren, Warnblinklicht einzuschalten, auf den Seitenstreifen zu fahren.

F: Was hat sich für Dich noch geändert durch die Therapie?

E: Ich spreche inzwischen sogar mit guten Bekannten über meine Ängste. Zuerst habe ich sie nur verschwiegen. Wenn ich jetzt darüber rede, merke ich, dass zuerst wenig Verständnis da ist. Aber nicht aus Unwille, sondern aus mangelnder Information. Sie sind gerne bereit, zu helfen. Ich finde das tröstlich.

Fahrten mit dem Angsthasenfahrlehrer auf die Autobahn, um die Panik zu überwinden

F: Ihr habt in der Therapie auch über die Konfrontation mit Deinen Ängsten gesprochen.

E: Ja, aber auf die Autobahn zu fahren mit meinem Therapeuten als Beifahrer, das war mir zu gefährlich. Da wollte ich zu Anfang sowieso nicht hin.

F: Womit hast Du angefangen?

E: Zuerst bin ich zusammen mit meiner Schwester durch Wohnstraßen gefahren. Bei großen Straßen ging es aber schon nicht mehr. Besonders, wenn die irgendwie autobahnähnlich aussahen, also mehrer Fahrspuren und eine Mittelinsel hatten. Da bekam ich sofort starkes Herzklopfen. Ich wusste, solche Straßen oder die Autobahn konnte ich nur mit einer Angsthasenfahrschule schaffen.

F: Was kann ein Angsthasenfahrlehrer in dieser Situation besser als der Therapeut oder die Schwester?

E: Ich fühle mich beschützter. Du kannst mir im Fahrschulauto jederzeit helfen und eingreifen, sollte eine Angstattacke kommen. Dadurch habe ich weniger Angst vor den Situationen. Außerdem hast Du mir durch Deine Erfahrung gute Tipps bei der Bewältigung der Ängste gegeben.

Was hilft bei der Überwindung der Panik?

F: Was hat Dir denn am besten geholfen bei den vielen Fahrten auf Stadtstraßen und auf der Autobahn, die wir zusammen unternommen haben?

E: Zuallererst Deine ruhige, positive Ausstrahlung. Dann die vielen Gespräche über Angstsituationen und die Nachfragen über meinen Nervositätszustand. Es hat schon gut getan, darüber zu reden. Und schließlich die Entspannungsübungen, ruhiges Atmen und Muskelentspannung. Ich fand es unglaublich, dass wir nach zwei Doppelstunden schon auf das Fahrschulauto verzichten und mit meinem Geländewagen weiter fahren konnten.

F: Wie hat sich das Bild der Angst bei Dir verändert, während der Therapie und der Konfrontationsübungen mit mir?

E: Das Bild der Angst hat sich völlig verändert. Die Vorstellung, dass ein Angstanfall kommt, beunruhigt mich nicht mehr so. Die Angst ist nicht mehr wesentlich. Außerdem überkommt sie mich nicht mehr plötzlich und stark. Ich weiß, dass ich sie schon im Vorfeld kontrollieren kann, durch Atem-, Muskelübungen und durch das Tempo. Wenn sie kommt, kommt sie eben. Dann bin ich nicht mehr entsetzt. Ich spreche mit ihr und bitte sie, mich weiter auf den Verkehr achten zu lassen.

Angst im Tunnel

F: Wir sind sogar ziemlich zu Anfang durch kleinere Tunnel  gefahren,  später durch längere. Vorher haben wir darüber gesprochen. Wie war das für Dich?

E: Ich hatte schon großen Bammel davor. Es war die Angst, weder seitlich noch vorne einen Ausweg zu haben und in der Röhre eine Panikattacke zu erleiden. Ich habe aber schnell gemerkt, dass meine Angstbewältigung auch im Tunnel funktionierte. Ich redete laut und schaute intensiv, nach vorne, links, rechts, nach hinten. Einmal spannte ich fest die Hände am Lenkrad an und ließ wieder locker.  Jedenfalls war die Angst dann immer besser auszuhalten.

F: Es ist wahrscheinlich das Gefühl des Eingeschlossenseins. Du kannst  nicht mehr raus.

E: Durch meine Übungen wurde es leichter. Dann sah ich auch, dass die anderen Fahrer sehr ruhig hinter mir her fuhren. Das gab mir Zuversicht. Ich fühlte mich mit ihnen verbunden.

Selbständiges Fahren

F: Wie geht es jetzt weiter?

E: Ich hab es ein paar Mal geschafft, allein in die Fahrschule zu kommen, einmal sogar über die Autobahn. Die Strecke haben wir vorher geübt. Das war für mich der Durchbruch. Jetzt heißt es, üben, üben, üben, Angstbewältigung auf der Autobahn üben. Nach meinem Urlaub hatte ich leider wieder mehr Angst.

F: Wie oft in der Woche übst Du jetzt?

E: Ich versuche drei- bis viermal in der Woche, auf die Autobahn zu fahren. Ich strebe Normalität im Denken und Fühlen an.

F: Ich wünsche Dir, dass Du bei Deinen Übungen Routine in der Angstbewältigung entwickelst. Das fände ich vorerst für Dich ganz wichtig. Und dass Du mit der Angst einigermaßen leben kannst. Ist das ein gutes Ziel?

E: Ja, sofort. Die Bestätigung, mit der Angst umgehen zu können, tut gut.

F: Routine ist gut. Aber die ganze Überei darf ja nicht zum Zwang werden. Versuch doch später mal, wenn Du viel geübt hast, zwei oder drei Wochen lang zu pausieren. So wie es Dir während Deines Urlaubs passiert ist. Dann steigt die Angst vielleicht wieder zu Beginn. Na und? Auch damit wirst Du fertig.

E: Irgendwann kommt ein Punkt, wo ich darüber hinweg bin und mir solche Experimente erlauben kann.

F: Du bist jedenfalls auf gutem Wege. Ich wünsche Dir alles Gute. Und vielen Dank für das Interview.


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Kommentare  

 
0 #2 Susa 2012-03-07 11:41
Hallo Ihr Lieben, habe eben mit großer Überraschung festgestellt, dass ich nicht allein mit meinen Panikattacken bin ! Gerade heute früh auf der A1 HH nach HB in einer der Baustellen eine ganz fiese Attacke gehabt, dass ich dann über die Landstraße weiterfahren musste. Würde das gerne in den Griff bekommen, da es immer häufiger und intensiver vorkommt. L.G.
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0 #1 Müller L 2011-10-12 09:10
Guten Morgen.
Ich finde dieses Interview sehr interessant und hilfreich.
Seit Monaten plagt mich die selbe Angst und ich habe entweder die Autobahn ganz gemieden oder kurz vorher nochmal umgedreht..
Gleich steht mir eine Autobahnfahrt bevor und ich bin jetzt schon aufgeregt.
Der Auslöser für mein Verhalten war , dass ich es zwei mal,beim Fahren auf einer Schnellstraße,a n den kreislauf bekommen habe und alleine war und seit dem Angst habe, dass es noch einmal passiert.
Es ist wirklich frustrierend, weil doch eigentlich nichts passieren kann, aber gegen diese innere Angst bin ich momentan noch machtlos.

Ich wünsche Ihnen eine schnelle "Genesung" und dass Sie ganz bald wieder ohne Ängste Auto fahren können.

MfG
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