Nervosität bewältigen in der Fahrprüfung (blog)

Nervosität erhöht die Durchfallquote

Was lässt sich gegen die Nervosität in der Fahrprüfung unternehmen?

Der ACE (Auto Club Europa) hat in einer Erklärung zum deutschen Verkehrsgerichtstag (23. - 25.01.2013) die Fahrschulausbildung in Deutschland kritisiert: Die Durchfallquote in den Prüfungen sei zu hoch. Das sei Schuld der Fahrlehrer, die wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage mit der hohen Durchfallquote mehr Stunden berechnen könnten.

Der herabsetzenden Erklärung des ACE haben viele Fahrlehrerverbände widersprochen, auch die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände mit ihrem Vorsitzenden Gerhard von Bressensdorf. Von Bressensdorf geht auf einen wichtigen Faktor für das Nichtbestehen der Prüfung ein, hohe Nervosität.

Ich zitierer G. von Bressensdorf aus Spiegel Online (vom 22.01.2013) (gleichfalls in vielen Zeitungen so verbreitet):

Dem widersprach die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Hauptursache für Fehler in der Fahrprüfung sei die hohe Nervosität der Prüflinge, sagte der Vorsitzende Gerhard von Bressensdorf. Die Folge: "Sie fahren zu schnell, missachten Vorfahrtsregelungen oder machen Fehler beim Einparken." Häufig gäben Fahrlehrer auch dem Drängen von Fahrschülern nach und meldeten sie zu früh zur Prüfung an.

Dem stimme ich zu.

Nervosität führt zu schweren Fehlern in den Prüfungen

Meiner Erfahrung nach und der von vielen Kollegen ist der Hinweis auf die Nervosität als Hauptursache für Fehler in den Prüfungen berechtigt. Ein gängiger Spruch unter uns Fahrlehrern lautet: „Deinen Schüler kennst Du, Deinen Prüfling nicht!“ Immer wieder macht man als Fahrlehrer die überraschende und traurige Erfahrung, dass gut ausgebildete Schüler als Prüfling auch bei an sich harmlosen Aufgaben versagen. Sie finden dann beispielsweise selbst in große Parklücken nicht mehr hinein, missachten Stoppzeichen, fahren zu schnell, zu langsam. Ursache für diese Fehler, bei denen die mitfahrenden Fahrlehrer sich an die eigentlich gute Ausbildung erinnern und innerlich die Hände ringen, ist tatsächlich Nervosität.

Wer Augen im Kopf und ein bisschen Einfühlungsvermögen besitzt, erkennt bei diesen Prüflingen die aufkommende und überbordende Nervosität.

Leichte, mittlere und schwere Nervosität in der Fahrprüfung

Nervosität in normalem, leichteren Maße ist eigentlich etwas Gutes und unterstützt die Fahrfähigkeiten. Wer nur ein bisschen nervös ist, kann wirklich zeigen, was er drauf hat und wird, wenn gut ausgebildet, bestehen. Das sind die sozusagen die idealen Schüler/ Prüflinge.

Auf der anderen Seite der Skala stehen schwer nervöse Prüflingen, die schon zu Beginn der Prüfungsfahrt so nervös sind und zittern, dass sie weder die Kupplung noch den Blinker richtig bedienen können und nicht einmal von der Prüfstelle kommen. Diese leiden oft unter sehr starken Versagensängsten, die auch ihr sonstiges Leben, außerhalb der Prüfung, einschränken. Sie gehören in therapeutische Behandlung.

Das heißt nicht, dass wir nicht auch diese schwer nervösen Schüler bis zur Prüfung betreuen können. Aber dann nur mit therapeutischer Unterstützung.

Prüflinge mit mittlerer Nervosität brauchen kompetente Hilfe - Hilfe durch ihren Fahrlehrer

Zusammenhang von Angst und Leistung (aus dem Artikel Prüfungsangst der WikipediaDie Prüflinge, die ich meine und die auch vielen Kollegen bekannt sind, sind jedoch mehr als leicht nervös, aber auch nicht sehr schwer. Sie sind nervös in mittlerem Grade, so dass ihre Leistungsfähigkeit immer mehr sinkt. Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang die Kurve des Zusammenhangs von Angst und Leistung, die ich hier beigefügt habe (aus dem Artikel „Prüfungsangst“ der Wikipedia). Sie sehen in der Grafik, wie über dem Bereich des mittleren Angstniveaus die Leistungskurve immer mehr nach unten fällt.

Unter mittlerer Nervosität verstehe ich Nervosität im mittleren Bereich auf einer Skala von 1 (ruhig) bis 10 (äußerst nervös, Panik). Die Prüflinge wissen Ihren Zustand meist sehr gut selbst einzuschätzen.

Im Gegensatz zu Prüflingen mit nur leichter Nervosität, die von ihrer Nervosität sogar profitieren, brauchen Schüler mit mittlerer Nervosität Hilfe. Auf sich allein gestellt, werden sie leider allzu häufig Opfer ihrer Aufregung.

Was die Zahlen angeht, so schätze ich nach meiner Erfahrung und der vieler anderer Kollegen: Prüflinge mit sehr schwerer Nervosität sind eine sehr kleine Minderheit unter den Prüflingen. Prüflinge mit leichter Nervosität stellen die überwiegende Mehrheit, Prüflinge mit mittlerer Nervosität zumindest eine bedeutende Minderheit.

Fahrlehrerfortbildung: Hilfestellung bei Nervosität der Schüler

Meine Anregung ist, die künftigen Fahrlehrer und die Fahrlehrer im Umgang mit der Nervosität aus- und fortzubilden, so dass sie in der Lage sind, den Schülern mit mittlerer Nervosität zu helfen. Idealerweise würden sich diese dann selbst helfen können, wenn die Nervosität sie überkommt. Sie würden lernen, ihre in Stresssituationen überbordende Nervosität zu kontrollieren und weiter einigermaßen ruhig und vernünftig zu entscheiden. Dann würden sich die Schülerzahlen im Bereich des mittlerren Angstniveaus deutlich verkleinern. Ja diese Schüler könnten sogar von den positiven Effekten eines nur geringen Angstniveaus profitieren.

Ich bin überzeugt, dass wir als Fahrlehrer, gut geschult, bei der Nervosität im mittleren Bereich helfen, unseren Schülern eine Menge unnötiger Misserfolgserlebnisse ersparen und letztlich die Durchfallquote senken können. Es geht aber nicht nur um die Durchfallquote. Entscheidend ist, dass diese Schüler/ Prüflinge lernen, ihre überbordende Nervosität zu kontrollieren und damit weiteren Stresssituationen beim späteren Alleinfahren in der Verkehrsrealität ruhiger zu begegnen.

Damit wäre von der Seite der Ausbildung aus ein wichtiger Schritt getan, unseren Schülern mehr Verkehrssicherheit zu vermitteln.

Fahrschüler-Ausbildungsordnung, Anlage 1, Punkt 2: Risikofaktor Mensch

Ich verweise auf die Fahrschüler-Ausbildungsordnung, Anlage 1, Rahmenplan für den Grundstoff, Punkt 2 (Risikofaktor Mensch). Für mich hängt dieser Punkt des Grundstoffs bis jetzt ein bisschen in der Luft. Denn der Stoff wird bis jetzt lediglich im Theorieunterricht gebracht. Nun hätten wir die Möglichkeit, ihn für die Fahrpraxis unserer Schüler/ Prüflinge umzusetzen. Zum Stoff der Anlage 1 bitte auf folgenden Link klicken: Fahrschüler-Ausbildungsordnung, Anlage 1

Wie können wir als Fahrlehrer helfen?

Das Üben des Ausbildungsstoffs vor belastenden Situationen hat immer einen Wert für sich. Doch ohne zusätzliche, neue Methoden werden wir als Fahrlehrer die Probleme unserer Schüler nicht bewältigen können. Das muss den Fahrlehrern gesagt werden, die glauben, nur mit Üben allein den Nervositätsproblemen ihrer Schüler begegnen zu können.

Wir Fahrlehrer sind keine Therapeuten. Dennoch können wir bei milder oder mittlerer Nervosität helfen. Es handelt sich dabei um einfache Maßnahmen im außertherapeutischen Bereich, die jedem interessierten Laien geläufig sind oder zumindest leicht erlernt werden können. Ich meine dabei insbesondere folgende vier Schritte, positiv auf diese nervösen Schüler einzuwirken:

  • Einfache Entspannungsübungen zur Linderung der körperlichen Symptome. Dazu gehören Atemübungen, progressive Muskelentspannung und vor allem das laute Sprechen in stressbeladenen Situationen. Das laute Sprechen ist die wichtigste Übung. Beim lauten Sprechen benennt der Schüler laut die eigene Nervosität und plant laut die nächsten Abläufe vor. Bedingung ist, dass die Entspannungübungen auch beim Fahren oder zumindest während einer Fahrpause eingesetzt werden können. Mit den Entspannungsübungen kann der Schüler die Nervosität auf mehrere Arten abklingen lassen:

    • Der Atem beruhigt sich: Wer laut spricht, kann nicht schnell und hektisch atmen, oder sogar das Atmen ganz einstellen. Der Atem beruhigt sich, übrigens damit auch die Herzfrequenz.

    • Die übermäßige, blockierende Stressreaktion wird gebremst, Ruhe und Vernunft kehren wieder ein: In der Stressreaktion verschwindet die Vernunft, nun herrschen archaische Abläufe vor (Flucht, Erstarren, Kampf). Nun, durch das laute Sprechen, wird die Vernunft wieder heraus gelockt. Das ruhige Denken und Entscheiden brauchen wir aber im Verkehr.

    • Mit der Ansage der eigenen Nervosität distanziert sich der Schüler gleichzeitig ein bisschen von ihr. Es ist ein Unterschied, ob ich unter der Nervosität leide und ächze, oder ob sie objektiv benenne: „Ich bin jetzt nervös, auf dem Stand von 5!“

    • Die laute Planung der folgenden Abläufe hilft dem Schüler, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und schützt ihn vor ängstlichen Grübeleien über vergangene Fehler oder über den Ausgang der Prüfung. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich kurz vor dem Abbiegen nach rechts denke „gerade habe ich nicht so gut eingeparkt, der Prüfer lässt mich vielleicht durchfallen“, oder ob ich laut spreche „ich biege jetzt ab nach rechts, schaue in die Spiegel, blinke...“. Im ersten Fall übersieht der Schüler vielleicht einen Radfahrer, im zweiten Fall nicht.

  • Fehlerkorrektur-Übungen bei Angst vor Fehlern. Diese Übungen sind vielleicht in der Methodik neu, sie sind sehr hilfreich. Beispiel: Ein Schüler hat Angst davor, in der Prüfung den Motor abzuwürgen. Wird diese Fehlersituation nicht geübt und aufgearbeitet, dann kommt es vielleicht zu hektischen, gefährlichen Versuchen, den Motor sofort wieder anzulassen und schnell loszufahren. Wir üben natürlich das Richtige, das korrekte Bedienen der Kupplung, so dass der Motor nicht abwürgt. Zusätzlich würden wir mit unseren Fahrschülern in Ausbildungssituationen üben, ganz bewusst den Motor abzuwürgen, sich anschließend zu beruhigen und dann sicher anzufahren. Sinn der Übung: Der Fehler Abwürgen wäre beherrschbar, die Angst vor dem Fehler würde sinken

  • Anlassbezogene Gespräche, beispielsweise über ablenkende Grübeleien vor oder während der Prüfungsfahrt, über Angst vor quälenden körperlichen Symptomen, Angst vor Fehlern, Angst vor Prüfern oder Angst vor Nichtbestehen

  • Gespräche über beobachtete Stärken der Schüler/ Prüflinge, um das Selbstbewusstsein zu verbessern

All diese Übungen und Gespräche müssten schon in die Ausbildung einfließen, um dann in der Prüfung (und auch später) erfolgreich umgesetzt werden zu können.

Fortsetzung

 


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