Prüfungsnervosität? Sprechen Sie mit dem Prüfer!

Prüfungsnervosität? Sprechen Sie mit dem Prüfer!

Die Prüfer reagieren auf Maßnahmen zum Abbau der Prüfungsnervosität in der Fahrprüfung wohlwollend. Versuchen Sie die Prüfer einzubinden

Wie bekommen Sie als Fahrlehrer den Prüfer dazu, sich für den Abbau der Prüfungsnervosität zu interessieren? Viele Fahrlehrer glauben, die Prüfer wollten das nicht, damit hätten sie keine Chance. Der Artikel zeigt Ihnen: Das ist gar nicht so schwer. Im Gegenteil, die Prüfer machen gerne mit.

Ich halte manchmal Referate vor Fahrlehrern in einer Fahrlehrer-Ausbildunsstätte. Thema: Abbau von Prüfungsnervosität in der Fahrprüfung. Die Fahrlehrer nehmen an Fortbildungslehrgängen nach § 33a FahrlG teil. Sie finden die von mir vorgestellten Maßnahmen gegen Prüfungsnervosität eigentlich gut. Aber sie haben immer denselben Einwand: Die Prüfer sind, so glauben sie, dagegen, machen nicht mit. Und daher, so ihre Meinung, lohnt es sich gar nicht, sich mit den Maßnahmen zu beschäftigen.

Haben die Prüfer etwas gegen die Beschäftigung mit Prüfungsnervosität?

Gespräch Fahrlehrer PrüferAuf meine erstaunte Nachfrage stellte sich dann heraus: Die Fahrlehrer hatten weder mit den Prüfern gesprochen noch irgendwelche Maßnahmen gegen Prüfungsnervosität ausprobiert. Diese kannten sie auch gar nicht. Sie hatten lediglich angenommen, die Prüfer würden sich gegen die Maßnahmen sträuben. Das nennt man wohl Vorurteil, wenn eine negative Meinung über andere existiert, ohne Realitätsbezug. Etwas Ähnliches erleben wir auch bei ängstlichen Prüflingen, wenn sie ihre schlechte Meinung über die Prüfer wiedergeben, ohne je einen Prüfer in einer praktischen Prüfung kennen gelernt zu haben.

Meine eigenen Erfahrungen: Die Prüfer sind aufgeschlossen

Ich selbst habe als Fahrlehrer noch nie erlebt, dass meine Schüler/ Prüflinge von Seiten der Prüfer Schwierigkeiten bekamen, wenn sie ihre Übungen zum Nervositätsabbau praktizieren wollten. Im Gegenteil, manche Prüfer haben die Prüflinge in kritischen Situationen sogar aufgefordert, sich wieder auf ihre Übungen zu besinnen, den Verstand einzuschalten, nachzudenken, laut über das Problem zu sprechen. (Anmerkung: Das laute Sprechen in kritischen Situationen ist eine wichtige Möglichkeit, dem drohenden Blackout vorzubeugen oder ihn wieder zurück zu drängen). Eine sporadische Umfrage unter Prüfern hat ergeben, dass keiner der Befragten etwas gegen derartige Maßnahmen hatte. Im Gegenteil, sie zeigten sich sehr angetan davon, dass Prüflinge versuchten, ihre Nervosität eigenständig zu bewältigen.

Wie lässt sich das begründen? Folgende für die Nervositätsbewältigung sprechende Argumente erwähnten oder bejahten die befragten Prüfer:

  • Kontrolle über die Nervosität, so dass diese nicht übermäßig ausschlägt
  • Erhalt der Fahrtüchtigkeit (Konzentration, Ansprechbarkeit, Aufmerksamkeit, Reaktion, Autobedienung, Übersicht)
  • Ruhiger Umgang mit belastenden Situationen
  • Verweis auf die Prüfungsrichtlinie 5.14 ("Der aaSoP soll der psychischen Belastung des Bewerbers Rechnung tragen;" Anmerkung: "aaSoP" = anerkannter Sachverständiger oder Prüfer)
  • Eigene Entspannung des Prüfers, weil der Prüfling im großen und ganzen selbst entspannt bleibt. Dies wird als wichtiger Vorteil geschildert. Die Fahrt verläuft ruhiger, harmonischer, flüssiger, man muss nicht dauernd um den Prüfling besorgt sein.
  • Bessere Bestehensquote. Entgegen einem allgemeinen Vorurteil sind die Prüfer nicht an einer hohen Nichtbestehens-Quote interesssiert, ganz im Gegenteil. Es ist natürlich ihre Berufspflicht, auf Verkehrssicherheit zu achten.
  • Wer seine Nervosität schon in der Prüfung gut kontrollieren kann, wird dies auch später in belastenden Verkehrssituationen beim Alleinfahren können.

Könnte es dennoch Widerstand von Seiten der Prüfer geben?

Die zweifelnde Haltung der Kollegen gegenüber den Prüfern ist eigentlich unberechtigt. Dennoch empfehle ich den Fahrlehrern, die mit ihren Schülern zusammen mit den neuen Möglichkeiten experimentieren wollen, die Prüfer schon im Vorfeld zu informieren. Denn die neuen Maßnahmen wirken vielleicht auf Außenstehende ein bisschen fremd. Es ist halt alles Gewöhnungssache.

Von allen Maßnahmen die fremdeste ist wohl das laute Benennen der eigenen Nervosität nach einer Skala von 1 (= sehr ruhig) bis 10 (= sehr nervös, Panik). Dies soll die Schüler/ Prüflinge ermutigen, über sich selbst nachzudenken und die eigene Befindlichkeit besser zu erkennen. Im lauten Sprechen erfolgt gleichzeitig eine vernunftgesteuerte Distanzierung vom überwältigenden Stressgefühl. Je nach Skalenwert kann auch eine Beruhigungsmöglichkeit vereinbart werden, beispielsweise bei 8 eine kleine Pause. Für die mitfahrenden Personen (Fahrlehrer, Prüfer) ist der angesagte Skalenwert ein wichtiger Indikator, denn er schützt vor Überraschungen.

Welche Gruppen von Prüflingen kommen für die Maßnahmen des Nervositätsabbaus in Betracht?

Wenn Sie die Prüfer über ihre geplanten Maßnahmen informieren, dann sollten Sie auch ein bisschen Hintergrundwissen über den Zusammenhang von Angst und Leistung haben, und wie sich dieser ungefähr zahlenmäßig auswirkt. Betrachten Sie die folgende Kurve dieses Zusammenhangs (aus einem Artikel der Wikipedia über Prüfungsangst)Zusammenhang von Angst und Leistung:

  • Geringe Angst wirkt sich positiv auf die Leistung aus. Das ist auch der Sinn der Angst. Solche Schüler können sich in der Prüfung, nach ein paar Anfangsschwierigkeiten, sogar steigern. Die Mehrzahl unserer Schüler finden Sie unter dieser Gruppe. Auch diese Schüler sind dankbar für den einen oder anderen Hinweis zur Nervositätsbewältigung. Im Grunde aber schaffen sie es allein.
  • Bei mittleren Angst sinkt das Leistungsniveau je nachdem schon stark unter die Normalleistung. Solche Prüflinge lassen sich von kleinen Fehlern dann  schon sehr irritieren, finden ihr gewohntes Normalmaß nicht mehr, im Gegenteil, im Gefolge der kleinen Fehler kann es leicht sogar zu einem bedeutenden Fehler kommen. Diese Gruppe von Prüflingen mit mittlerer Angst stellt eine erhebliche Minderheit dar. Diesen Schülern können wir durch unsere Maßnahmen helfen und gleicheitig unserre Prüfquote verbesseren.
  • Hohe Angst führt zu einer Leistungsblockade, nichts geht mehr. Solche Prüflinge kennt jeder Fahrlehrer/ Prüfer. Sie sind so nervös, dass sie weder Kupplung, noch Blinker, Schalthebel, Lenkrad bedienen können. Statt weich los zu fahren, macht das Auto nur einen Satz nach vorne. Sie kommen nicht einmal vom Prüfhof herunter. Sie sind nur eine kleine Minderheit. Als Fahrlehrer werden sie sie nicht alleine betreuen können. Sie sollten sie gleichzeitig zum Therapeuten schicken. In den meisten Fällen lauern hinter der Prüfungsangst tiefsitzende allgemein soziale Ängste, die das ganze Leben beeinträchtigen.

Wie sollten Sie am besten  vorgehen, die Prüfer zu informieren?

Die Information und Vorbereitung der Prüfer auf die neuen Möglichkeiten des Nervositätsabbaus sollten am besten in zwei Schritten erfolgen:

  • Versuchen Sie schon im Vorfeld mit Prüfern zu sprechen. Dies können Sie beispielsweise während einer Prüfungsfahrt oder während gemeinsamer Veranstaltungen von Prüforganisationen und Fahrlehrerverband versuchen. Sprechen Sie möglichst auch mit dem Leiter der Prüforganisation oder mit Ihrem Fahrlehrerverband. Ihr Vorhaben sollte jedenfalls nicht vereinzelt angegangen, sondern auf breite Basis gestellt werden.
  • Am Tag der Prüfung, in der Eingangsphase, sollte der Prüfling den Prüfer informieren, wie er sich  die Nervositätsbewältigung vorstellt. Das könnte etwa so geschehen: Prüfling: "Ich bin nervös. Aber ich habe mit Hilfe meines Fahrlehrers einige Übungen trainiert, so dass ich die Nervosität kontrollieren kann. Ich schaffe das alleine. Ich werde manchmal laut sprechen und den Stand meiner Nervosität in Zahlen angeben. Vielleicht brauche ich mal Pause." Prüfer: "In Ordnung. Sagen Sie das mit der Pause rechtzeitig an. Sie wissen ja, im Verkehrsgewühl oder auf der Autobahn geht das nicht sofort." Damit weiß der Prüfer Bescheid, worum es geht. Für den Prüfling ist die Aussage sehr erleichternd, ab jetzt wird er schon viel weniger nervös sein. Dem Prüfer signalisiert er, dass keinerlei Hilfe braucht, sondern seine Nervosität selbst kontrollieren kann. Das ist wiederum für den Prüfer eine Erleichterung.

Worüber sollten Sie mit den Prüfern sprechen?

Verweisen Sie darauf, dass die Kontrolle der Nervosität bessere Fahrtüchtigkeit und Prüfergebnisse mit sich bringt. Sprechen Sie von Ihren guten Erfahrungen mit bestimmten Übungen zur Bewältigung der Prüfungsnervosität. Wenn der Prüfer Interesse zeigt, dann schildern Sie ihm ruhig ein paar dieser Übungen. Nicht alle, besser die wichtigsten, die etwas bringen, vielleicht aber auch für interessierte Laien fremd wirken:

(Fortsetzung)