Schwerer Unfall auf dem Bürgersteigradweg

Tragischer Unfall auf einem Fahrradweg

Ein Radfahrer fährt auf dem Radweg eine 91-Jährige um. Diese stirbt an den Folgen des Unfalls

Der Unfall geschah vor mehr als einer Woche am Tempelhofer Damm (heute ist Montag, 21.04.2014). Die alte Dame wartet an der Haltestelle auf einen Bus. Dort, auf dem Gehweg, schlängelt sich auch ein Radweg vorbei. Ein Radfahrer kommt angefahren. Die 91-Jährige macht für ihn unvermittelt einen Schritt auf den Radweg zu. Es kommt zum Unfall, beide stürzen. Die alte Dame wird ins Krankenhaus gebracht. Zwei Tage stirbt sie wegen ihrer schweren Sturzverletzungen.

Die Nachricht über den Unfall habe ich aus dem Tagesspiegel vom 20.04.2014, S. 13:

91-Jährige stirbt nach Unfall mit Radfahrer

Bürgersteigradwege sind gefährlich

Viele Fahrschüler und Angsthasen fürchten sich geradezu vor irrationalem Verhalten von Fußgängern und Radfahrern. Dieser tragische Unfall scheint ein Musterbeispiel für solches Verhalten zu sein. Ein Radfahrer fährt auf einem - wahrscheinlich sowieso schon überfüllten - Bürgersteigradweg. Eine alte Dame tritt unversehens vor. Es kommt zum tödlichen Unfall. Und nun stellt die Polizei sogar fest, die alte Dame habe den Unfall verursacht, da sie "unvermittelt" auf den Radweg getreten sei.

Mich hat der tragische Unfall, aber auch die schiefe Ursachendarstellung, so berührt, dass ich mich entschlossen habe, an den Tagesspiegel einen Leserbrief zu schreiben. Wenn man alle möglichen gefährlichen Ursachen für diesen Unfall durchdenkt, aber auch die gesetzlichen Regelungen einbezieht, dann wird klar: Irrational ist hier nichts.  Eigentlich war dieser Unfall vermeidbar, wenn der Radfahrer angesichts der alten Dame nur langsamer gefahren wäre. Und noch vermeidbarer würden solche Art Unfälle, wenn man endlich die Bürgersteigradwege abschaffen würde. Diese sind eine starke Unfallquelle. Hier hilft für alle Beteiligten nur äußerste Vorsicht.

Fahrschüler und Angsthasen sollten bei der Konfrontation mit Bürgersteigradwegen, beispielsweise beim Abbiegen nach rechts, sich lieber dreimal vorsehen, sehr, sehr langsam fahren und lieber nochmal und nochmal schauen. Denn man sieht beim Abbiegen nur sehr wenig von den Radfahrern, die hinter geparkten Autos verborgen sind. Man muss deshalb keine Angst vor dem Autofahren haben, sondern sich schlicht und einfach vorsichtig verhalten und die Regeln beachten.


Leserbrief (an den Tagesspiegel)

Ich selbst bin eifriger Radfahrer, beruflich Fahrlehrer, der Unfall hat mich sehr berührt. Er beweist wieder einmal, dass Radwege, die auf Bürgersteigen angelegt sind, nur wenig Sicherheit bieten. Diese Radwege ohne Benutzungspflicht sind gefährlich und gehören abgeschafft. Radfahrer, die sich darauf einlassen und dort fahren - obwohl sie gar nicht dazu verpflichtet sind - erleben ständig Bürgersteigradweg und haltender Bus: Radfahrer bitte äußerst langsam fahren, besser stehen bleibenunaufmerksame Fußgänger, die "unvermittelt", wie die bedauernswerte alte Dame, auf den Fahrradweg treten. Auf freier Strecke geht es, aber in der Nähe von Einkaufszentren, Kneipen, U-Bahnhöfen oder Haltestellen herrscht ständiges Gewimmel von Fußgängern. Selbstverständlich auch in Richtung Radweg. Das zwingt die Radfahrer zu großer Vorsicht und Langsamkeit. Demgegenüber ist das Fahren auf der Fahrbahn geradezu erholsam.

Warum tue ich mir das als Radfahrer an, fahre trotzdem auf dem eigentlich gefährlichen Bürgersteigradweg? Auf der Fahrbahn herrschen raue Sitten. Man wird dort von den Autofahrern nicht gern gesehen, leider sogar "belehrt", durch mangelnden Abstand, Hupen, Schneiden, dass Radfahrer dort nichts zu suchen und gefälligst auf den Gehweg zu verschwinden haben. Einen hervorragenden Schutz für Radfahrer und Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer bieten dagegen die Radwege (mit dem blauen Zeichen 237), die rechts auf der Fahrbahn markiert sind, wie beispielsweise auf der Kreuzbergstraße.  Solche Radwege sollten mehr angelegt werden.

Im Artikel wird die Meinung der Polizei wieder gegeben, die 91-Jährige habe den Unfall "verursacht". Das bestreite ich. Nach § 3 der StVO ("Geschwindigkeit"), Abs. 2a, müssen sich Fahrzeugführer "gegenüber älteren Menschen"  "durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft" so verhalten, "dass eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist." Gemeint sind verkehrsschwache Gruppen von Verkehrsteilnehmern wie Kinder, hilfsbedürftige Behinderte und eben ältere Menschen, denen im Verkehr mit besonderer Verantwortung und Sorgfalt begegnet werden muss. Insofern ist die rechtliche Lage doch sehr klar. Wäre der Radfahrer seiner Pflicht nachgekommen und angesichts der alten Dame Schritt gefahren, bremsbereit, dann wäre überhaupt nichts passiert.

Mit tut der Radfahrer leid. Aber der 91 Jahre alten Dame, die jetzt tot ist, die Verfehlung zuzuschreiben, das geht ja wohl auch nicht.

Frank Müller


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