Hörbeitrag Berliner Rundfunk über Angsthasenbetreuung in der Fahrschule Schaffen Wir
"Schweißausbrüche, zitternde Knie, Panik vor dem Autofahren" *
BERLINER RUNDFUNK 91|4 sendet einen Hörbeitrag:
Die Fahrschule Schaffen Wir bringt Menschen mit Fahrangst wieder auf die Straße
Der Hörbeitrag hat den Titel "Schaffen Wir-Fahrschulen bringen Angsthasen wieder auf die Straße" und stammt vom Reporter Xandel Philipps. Er wurde vom Berliner Rundfunk am 02.11.2011 früh um 07.40 Uhr ausgesandt. Für diejenigen, die sich die Sendung nachträglich anhören wollen, hier ein Link zur entsprechenden Seite des Berliner Rundfunks: Hörbeitrag Berliner Rundfunk
* Zitat aus dem Hörbeitrag
Der Hörbeitrag zur Bewältigung der Fahrangst
Der Reporter Xandel Phillips hat seinen Beitrag eigentlich dreiteilig angelegt: Interview mit dem fahrängstlichen Fahrschüler, Interview mit Frank Müller, Angsthasenfahrlehrer, und Begleitung bei einer Betreuungsfahrt. Davon wählt er für seinen Beitrag eine Szene während der Betreuungsfahrt aus. Es geht um Übungen zum selbständigen Fahren, dem Fahren in Kolonne. Vorneweg der Angthasenfahrlehrer im Fahrschulwagen, hinterher Herr Koch im Mietwagen Skoda Fabia.
Wesentlicher Teil des Hörbeitrags ist eine Szene, als uns während der Fahrt ein Mercedesfahrer auf einer Kreuzung sehr hektisch und knapp rechts überholt. Herr Koch übersteht diese Szene mit Ruhe, aus seiner Sicht ist der Mercedesfahrer allerdings ein "Idiot". Ich (F.M.) lobe ihn bei einer anschließenden Fahrpause sehr für seine Ruhe, kritiere ihn aber für das Schimpfwort. Ich erkläre ihm, dass er so nur negative Energie und neue Angst aufbaut. Besser ist es, sich selbst für die Ruhe während der hektischen Szene zu loben, und den Mercedesfahrer mit Nachsicht zu behandeln: Er hatte es höchstwahrscheinlich nur eilig.
Da im sehr anschaulichen Hörbeitrag von Xandel Phillips aufgrund der Kürze der Hintergrund wegfallen musste, hole ich dies hier nach.
Anmerkung: Vielleicht war das ein Missverständnis, aber es gibt nicht, wie im Titel des Hörbeitrags angegeben, mehrere "Schaffen-Wir-Fahrschulen", sondern nur eine.
Vorgeschichte - Unsicherheit beim Autofahren
Der (ursprünglich) fahrängstliche junge Mann namens Koch (Name geändert) stammt aus dem Südwesten Deutschlands und macht bei der Fahrschule Schaffen Wir einen Kurs zur Bewältigung der Fahrangst.
Er hat die Prüfung vor sechs Jahren geschafft. Anschließend fühlt er sich unsicher, sucht eine Fahrschule auf, um sich dort helfen zu lassen. Der Fahrlehrer kümmert sich leider nicht um seine Unsicherheit, sondern wirft ihm vor, dass er nicht gut schaltet. So verbringen sie einige Doppelstunden, bis er es nicht mehr aushältö Er verlässt die Fahrschule und kommt zu uns.
Der Kurs - Bewältigung von Fahrangst
Beim Eingangsgespräch und der ersten Probestunde stellt sich heraus, dass Herr Koch sich in komplexen Verkehrssituationen unsicher fühlt - beispielsweise großen Kreuzungen, breiten Straßen mit dichtem Verkehr, Autobahneinfahrten. Vor allem das Abbiegen nach links bei komplizierten Kreuzungen macht ihm zu schaffen. Er quält sich mit einer tiefen Unsicherheit, dass er diese Situationen nicht schaffen könne, mit der Folge eines gefährlichen Unfalls.
Herr Koch macht alle Programmteile zur Bewältigung der Fahrangst mit - Infoveranstaltung für Angsthasen, Einführungsgespräch mit Probestunde, Betreuungsfahrten mit dem Fahrschulwagen. Er lernt Entspannungsübungen kennen. Vor allem das laute Sprechen tut ihm gut. Wir fahren mit ihm systematisch in die von ihm gefürchteten Angstsituationen - große Kreuzungen, dichten Verkehr, Stadtautobahn. Bei jeder Betreuungsfahrt sagt er seine Nervosität an und traniert Entspannungübungen. Alle schwierigen Sitationen werden ihm ausführlich erklärt. Ungefähr die Hälfte der Zeit wird gefahren, die andere Hälfte während einer Fahrpause gesprochen.
Schwierig für ihn wird der Übergang zum selbständigen Fahren, der im Kursprogramm vorgesehen ist. Er macht einige Testfahrten, wir simulieren also im Fahrschulwagen das selbständige Fahren. Leider gibt es dann auch Fehler. Seine Unsicherheit steigt. Den Übergang zum selbständigen Fahren im eigenen Wagen traut er sich nun schon gar nicht mehr zu. Die geplanten Fahrten in einem Mietwagen müssen wir vorerst verschieben.
Fehlerlosigkeit - das falsche Ideal
Inzwischen besteht er gleich mehrere Testfahrten. Er strebt allerdings eine lange Serie von fehlerlosen Testfahrten an. Das ist nicht zu schaffen. Den Ausschlag bringt ein Gespräch, in dem ich (F.M.) mit ihm über sein Ideal der Fehlerlosigkeit diskutiere. Er sieht schließlich ein, dass er sich damit sehr unter Druck gesetzt hat, und dass er eher als Ideal die Weiterentwicklung anstreben soll, nicht die Perfektion. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er auch Hilfe von anderen erhalten kann, wenn er Fahler macht.
Beim Abbiegen an einer Kreuzung tritt dieser Fall ein: Herr Koch soll nach links abbiegen, ordnet sich ein wenig über die Mitte hinaus nach links ein. Ein Fehler, wenn auch kein großer. Er ist nervös, beruhigt sich aber durch lautes Sprechen. Ein Motorradfahrer taucht im Gegenverkehr auf. Ich bitte Herrn Koch, sich eine Lösung des Fehlers zu überlegen. E schlägt vor, ein Stückchen nach rückwärts rechts zu fahren. Doch inzwischen ist das nicht mehr nötig, da der Motorradfahrer problemlos um ihn herumschwenkt. Anschließend biegen wir ab und sprechen noch einmal über das Thema Fehler, Fehlerlosigkeit, Fehlerlösung und Hilfe durch andere. Herr Koch fühlt sich jetzt ruhiger.
Wir streben nun die Fahrt im Mietwagen an und üben eine einfache Strecke vom Vermieter zur Fahrschule.
Bei der ersten Fahrt im Mietwagen sitze ich neben ihm. Er hat die volle Verantwortung. Das weiß er. Aus dem Hof des Vermieters geht es sehr steil auf die Straße. Herr Koch fühlt sich sehr nervös und unsicher. Er hält an und möchte zuvor einige Anfahrübungen mit dem für ihn unvertrauten Wagen (Skoda Fabia) probieren. Nach den Anfahrübungen fühlt er sich sehr erleichtert. Es geht - er kann selbständig mit dem Wagen umgehen! Es ist doch kein so großer Unterschied. Die Fahrt zur Fahrschule verläuft problemlos.
Selbständiges Fahren als Ziel der Bewältigung der Fahrangst
Wir üben nun einfache Strecken mit dem Mietwagen. Mein Kollege J. Busch führt die Übungen fort und darf sich sogar, mit Herrn Kochs Erlaubnis, auf die Rückbank setzen.
Als nächstes fahren wir Kolonne. Vorne ich im Fahrschulwagen, dahinter Herr Koch. Die Strecke ist abgesprochen und vorgeübt. Bei dieser Etappe im Kurs schaltet sich der Reporter Xandel Philipp zu.
Bei der nächsten Kolonnenfahrt üben wir wieder eine bestimmte Strecke, wir fahren ums Karree, ungefähr ein großes Viereck, und besprechen am Schluss alle Schwierigkeiten. Herr Koch bekommt die Aufgabe, diese Strecke ganz allein zu fahren. Er soll auf die Schwierigkeiten der Strecke achten und sich selbst beruhigen, wie schon geübt. Nach ungefähr 10 Minuten kommt er zurück, die Fahrt ging in Ordnung, er konnte sich gut durch lautes Sprechen beruhigen.
Einzige Drucksituation bei seiner Fahrt: Er steht an einer engen Kreuzung bei Rot, will nach rechts abbiegen. Inzwischen kommt ein anderr Fahrer, der dort einbiegen will - aber nicht kann, weil Herr Koch mit seinem Wagen bei Rot steht, stehen muss. Der andere fährt langsam immer näher, Herr Koch fühlt sich nervös. Er spricht laut mit sich "ich bin nervös, aber ich bekomme das hin". Er macht eine beruhigende Geste zum anderen Fahrer hin, und - oh Wunder - dieser fährt ein bisschen zurück. Und inzwischen wird es endlich Grün.
Fazit
Herr Koch hat seine Unsicherheit nun nicht etwa völlig überwunden. Aber sie ist nun gemildert, und er kann sie besser kontrollieren. Er weiß und hat sich vorgenommen, dass er weiterhin schwierige Situationen üben und sich dabei beruhigen muss. Er darf keine Feherlosigkeit erwarten, sondern muss weiter lernen. Er kann aber auch auf die Hilfe anderer vertrauen.
Frank Müller