Buchsprechung Sandra Winkler: Er nannte mich Fräulein Gaga

Wer hilft mir bloß bei meinen Macken und Ängsten?

Sandra Winklers Erlebnisreise durch den Psychomarkt

„Gaga“ bedeutet umgangssprachlich „bescheuert“, „behämmert“, „bekloppt“. „Fräulein Gaga“ wird unsere ehemalige Angsthäsin Sandra Winkler von ihrem Freund in dem Buch genannt, in dem sie ihre Erfahrungen mit der Überwindung ihrer vielen Macken und Ängsten schildert. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit ihrer Fahrangst bei der Fahrschule Schaffen Wir.

Sandra Winkler: Er nannte mich Fräulein Gaga. Macken, Ticks und meine Versuche, sie in 111 Tagen loszuwerden. Fischer Frankfurt 2013.

„Fräulein Gaga“ ist von Sandra Winklers Freund witzig und sicher zärtlich gemeint, trifft aber irgendwo auch den Kern: Denn Menschen mit Macken und Ängsten fühlen sich unsicher, nicht ganz normal und von ihrer Umgebung nicht ernst genommen, sondern ausgegrenzt.

Folgende Macken stellt die Autorin bei sich fest (S. 30):

  • Ordnungsfimmel

  • Fahrangst

  • Lärmempfindlichkeit

  • Zuspätkommen.

Sandra Winkler: Er nannte mich Fräulein GagaWenn sie im Hausflur schief liegende Fußmatten findet, dann muss sie diese gerade rücken. Ein Blockflöte spielendes Nachbarmädchen bereitet ihr Qualen. Der Versuch, ihren Freund mit dem Auto zum Flughafen zu fahren, endet schon beim Ausparken tränenreich und in Verzweiflung, da sie einen schlimmen Unfall befürchtet.

Und weil ihr Freund ihr bei seiner Abreise nach Australien das Ultimatum gestellt hat, die Macken loszuwerden, macht sie sich auf die Suche nach Hilfe und Lösungsmöglichkeiten für ihre psychischen Probleme.

Sandra Winklers Reise durch den Psychmarkt

Sie klappert dabei nach Art eines Parkours alle möglichen Einrichtungen und Angebote ab, die der Psychomarkt inzwischen hergibt, um den leidenden Menschen zu helfen. Und es sind so viele, die sie in ihrem Buch schildert und erprobt, man glaubt es kaum (die Liste ist nicht vollständig):

  • Verhaltenstherapeut

  • Coach

  • Selbsthilfegruppen

  • Hilfe durch Freundinnen

  • Angsthasentreff und Angsthasenfahrschule

  • Selbsthilfe per Buch und CD

  • Heilpraktiker mit Klopftherapie

  • Konfrontation mit virtueller Realität (Uni Würzburg)

  • Meditation

  • Hypnosetherapie

  • Schamanische Therapie.

Viel Geschwafel und Firlefanz

Frau Winklers Bericht ist witzig, kritisch und gleichzeitig auch sachgerecht geschrieben. Überall entdeckt sie die durchsichtigen Versuche, den unter ihren Macken und Ängsten leidenden Menschen mit Geschwafel und Firlefanz das Geld aus der Tasche zu ziehen. Auch wenn unsere Angsthasen endlich den Weg zu unserer Fahrschule Schaffen Wir finden, so haben diese oft eine wahre Odyssee an schlechten Erfahrungen bei anderen Psycho-Anbietern hinter sich gebracht.

So hat mir eine junge Frau mit Panikattacken auf der Autobahn von den Erlebnissen bei einer Heilpraktikerin erzählt, die die Panik „ganz leicht und schnell wegmachen“ wollte: Sie strich ihr mit der Hand von oben nach unten am Körper entlang, mit den Worten „die Panik ist weg“. Eine andere Angsthäsin besuchte während ihrer Betreuung bei uns auch eine Schamanin. Wie bei Frau Winkler beschwor auch diese die Ahnen herauf, um zu helfen. Gebracht hat es allerdings nichts, vielleicht waren den Ahnen die Probleme beim Autofahren nicht so vertraut.

Es wird sicher eine Patientin geben, der auf diese Art geholfen wurde, und die als Fan die Botschaft der Heiler begeistert weiter trägt. Und wer daran glaubt, dem wird vielleicht sogar geholfen. Aber die Mehrzahl geht leer dabei aus, denn diese Methoden ist unwissenschaftlich, Hokuspokus.

Frau Winklers Buch ist insofern verdienstvoll, weil sie als Journalistin versucht, den Psychomarkt mit seine Abartigkeiten aus ihrer eigenen Erfahrung und kritischen Sicht darzustellen. Freilich, es ist kein Sachbuch, sondern ein amüsanter Erlebnisbericht. Dadurch wird der Wert des Buches nicht geschmälert. Viele Ratsuchende würden ein reines Sachbuch vielleicht gar nicht lesen, weil zu trocken.

Über die Versuche der Schamanin, Frau Winkler durch die Anrufung der Ahnen zu heilen, kann man nur schmunzeln. Die Klopftherapie bringt nichts, so viel die Autorin auch klopft. Der Coach redet für einen gesalzenen Stundensatz vom „inneren Kind“, das uns als reife Erwachsene leider ins Handwerk pfuscht. Ob das weiterhilft? Die Autorin zweifelt mit Recht. Der Hypnotiseur müht sich immer wieder vergeblich ab, Frau Winkler in Trance zu versetzen.

Auch die Uni Würzburg bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm: Diese will die Patienten durch das Zeigen von Filmen in 3-D-Qualität mit ihren Ängsten konfrontieren, um diese dann abzutrainieren. Die Wissenschaftlerin zeigt Frau Winkler Filme von Spinnen und Flügen. Bringt wahrscheinlich nicht viel, weil die virtuelle Realität zu leicht durchschaut werden kann. Außerdem sind Spinnenangst oder Flugangst nicht Frau Winklers Problem. Sie leidet an Fahrangst. Doch wo bleibt der versprochene Film aus dem Straßenverkehr zur Fahrangst? Fehlanzeige, leider die Reise nach Würzburg umsonst gemacht.

Auf die Einlassungen der Wissenschaftlerin zur Praxis der Fahrschule Schaffen Wir komme ich noch zu sprechen.

Verhaltenstherapie ist empfehlenswert

Jedenfalls, nach den vielen, nicht sehr aufbauenden Erlebnissen mit Schamaninnen und anderen bleiben zwei Verfahren und Angebote übrig, die Frau Winkler wirklich geholfen haben:

  1. Verhaltenstherapie

  2. Die Betreuung in der Fahrschule Schaffen Wir (auch diese beruht auf den Grundlagen der Verhaltenstherapie).

Allerdings muss ich bei Punkt 1 ein Fragezeichen setzen. Frau Winkler bekommt von dem von ihr kontaktierten Arzt und Therapeuten ernsthafte Angebote zu einer Therapie, jedoch nimmt sie diese gar nicht wahr. Insofern habe ich doch ein bisschen Zweifel, ob ihre Macken und Ängste wirklich so brennend und zeitraubend waren. Oder ob diese nur in ganz milder Form vorhanden und deshalb gar nicht behandlungsbedürftig waren? Vielleicht boten sie wenigstens Anlass, eine journalistische Reise durch die Psycholandschaft zu versuchen?

Ich weiß es nicht. Aber immerhin befolgt Frau Winkler den Rat des Therapeuten, sich per Selbstversuch mit einer ihrer Macken, dem übertriebenen Ordnungsfimmel, zu konfrontieren. Sie räumt Bücher oder Papiere nicht mehr säuberlich penibel auf, sondern lässt sie ganz bewusst in wilden Haufen im Wohnzimmer liegen - und versucht, im Angesicht der Unordnung entspannt und gleichgültig zu bleiben. Und siehe da, schon diese kleine Maßnahme bringt sie weiter, macht sie ruhiger. Sie muss nun nicht mehr überall aufräumen.

Entschleunigung: Fahren lernen für Angsthasen

Und auch die Betreuung in der Fahrschule Schaffen Wir hilft Frau Winkler und lässt sie ihre Fahrangst bewältigen.

Leider gab es zu Beginn der Fahrbetreuung einmal Durcheinander, darüber berichtet sie kritisch, und ich entschuldige mich hier ausdrücklich für das Missgeschick: Wir fanden zu Beginn der ersten Fahrstunde den gewünschten Fahrschulwagen nicht gleich, sondern erst später. Zum Ausgleich bekam Frau Winkler die ganze Stunde geschenkt.

Die Betreuung bei uns hat ihr, wie gesagt, geholfen. Ich erinnere mich, dass Frau Winkler in den ersten Betreuungstunden sehr hektisch fuhr. So hektisch, dass ich beinahe der Meinung war sie könne gar keine Angsthäsin sein. Doch das Rätsel ist schnell gelöst: Gerade Angsthasen fahren zu Anfang oft viel zu hektisch. Sie fahren zu schnell, weil sie niemanden behindern, niemandem im Weg sein wollen. In komplizierten Situationen bekommen sie dann allerdings zu wenig Informationen mit, entscheiden unter Druck, ohne zu überlegen, mit sehr schlechtem Gefühl. Im Grunde Zufallsentscheidungen, die manchmal zu Beinah-Unfällen führen. Das ist der schlechte Weg ins Chaos und in die tiefe Angst.

Der bessere Weg ist, zu lernen und sich damit abzufinden, andere etwas zu behindern und langsamer zu fahren. Das ist im Grunde segensreich und gibt den Angsthasen eindlich ein gutes Gefühl im Verkehr. Denn alle Entscheidungen, die sie jetzt treffen, sind wohlbegründet, aus ruhiger  Überlegung heraus. Aber wie gesagt: Es ist zu Beginn eine soziale Entscheidung nötig, seine Ängste zu überwinden, den Mut aufzubringen, andere Verkehrsteilnehmer zu behindern.

Darüber schreibt sie auf Seite 146:

„Dank ihm [Frank Müller] ist ein Auto nicht mehr nur ein unkontrollierbares Mordinstrument, sondern kann auch eine Entschleunigungskapsel sein, in der ich zen-artige Ruhe und Gelassenheit erlange. Denn Müller lehrte mich entspannungsfördernde Verzögerungstaktiken. Zum Beispiel beim Spurwechsel: Erst Blinker setzen, Ommm, dann in den Spiegel schauen, Ommm … Schulterblick, Ommm .. und auch wenn dann hinter einem alles frei ist – noch einmal bis zwei zählen, bevor man rüberzieht. Er unterrichtete mich im Manöveransagen („Ich habe den Motor abgewürgt und starte ihn jetzt neu“). Und er überzeugte mich: Es gibt keine Grund für Panikattacken am Steuer. Schafft man es vom Beschleunigungsstreifen nicht auf die Autobahn, weil einen keiner reinlässt, kann man auf dem Standstreifen weiterfahren und später einfädeln. Würgt man den Motor ab, lässt man den Hintermann halt hupen.“

Der Begriff „entspannungsfördernde Verzögerungstaktiken“ bringt es schon auf den Punkt. Wir arbeiten daran, den Angsthasen die Hektik zu nehmen, die ewige Flucht vor den anderen, drängelnden Autofahrern aufzugeben. Wir nennen den neuen Fahrstil „Angsthasenfahrstil“. Dabei werden andere etwas behindert, aber die Vorteile sind enorm: Entspannung, Ruhe, vernünftige Entscheidungen, keine Angst mehr.

Unser Ziel ist es, dass Angsthasen sich bei jeder Stufe der Angstbewältigung am Steuer Entspannung verschaffen, vernünftig bleiben lernen, ihre Ängste hinter sich zu lassen. Wir verknüpfen Entspannung und Angstbewältigung mit Vernunft am Steuer.

Zum Schluss der Betreuung fahren ich noch mit in Frau Winklers eigenem Wagen. Sie ist nun selbst verantwortlich für ihr Verhalten, ich bin Zuschauer, höchstens Berater. Das gehört zu unserem Konzept. Sie kann nun in einer so stark belastenden Situation zeigen, dass sie die vernünftige Kontrolle über ihr Verhalten und über ihre Ängste hat.

Mit Angst überschwemmen?? Das geht im Straßenverkehr gar nicht

Und damit komme ich am Ende meines Kommentars auf die Bemerkungen der Würzburger Wissenschaftlerin zur Angstbewältigung bei der Fahrschule Schaffen Wir zu sprechen (S. 106). Frau Schiller nennt unser Verfahren etwas abwertend "ein Verfahren aus den siebziger Jahren". "Man steigert die Angstauslöser erst nach und nach und verknüpft sie mit Entspannung. Kann man machen." Sehr großzügig von Ihnen, danke, Frau Schiller. Weiter, Zitat aus S. Winklers Buch: "Aus Sicht der Psychologin sollen die Patienten die Angst aber zulassen, dabei alle körperlichen Symptome spüren und dadurch merken: 'So schlimm die Angst auch wird, ich kann sie aushalten.'"

Wenn ich mit einer Panikerin auf der Autobahn fahre, dann lässt sich die Panik theoretisch einigermaßen zuverlässig auslösen: Durch immer höheres Tempo über 100 km/h, , durch einen langen, dunklen Tunnel, durch Überholen einiger Lkw. Ich schrieb "theoretisch", denn jede Panikerin, die schon mal bei mir gefahren ist, würde sich entschieden gegen das Experiment sträuben. Denn dabei geht die vernünftige Kontrolle über das Verkehrsgeschehen verloren, es ist mit gefährlichen Reaktionen zu rechnen.

Was würde denn im Falle der Panik passieren? Die Betroffene würde von starker Angst heimgesucht, Herzklopfen bis zum Gefühl eines Herzinfarkts, schwerer Atem, Schwindelgefühl, verschleierter Blick, keine persönliche Kontrolle mehr, sondern das Gefühl, neben oder außer sich zu stehen oder zu fahren, Verlust der Vernunft, unmöglich, irgendwelche vernünftige Entscheidungen zu treffen. Außer vielleicht Panikentscheidungen, beispielsweise sofort zu bremsen, heftig auf den Seitenstreifen zu ziehen.

In diesem Zustand kann sie nicht vernünftig weiterfahren. Wenn ich dabei wäre, müsste ich als Fahrlehrer die Kontrolle übers Auto übernehmen. Dann wäre es für sie möglich, die Panik auszuleben und auszuhalten, aber nicht mehr als Fahrerin, sondern als Beifahrerin. Ein ganz neuer Fall. Die Panik überkommt sie aber vorzugsweise am Steuer, nicht als Beifahrerin.

Wie man es auch dreht und wendet. Frau Schiller hat nicht nur den Film über die Fahrängste verlegt. Sie kann sich auch nicht vorstellen, dass im Straßemverkehr Sicherheit Vorrang hat, auch für die Betroffenen. Man kann solche Experimente, die Betroffenen mit der Angst zu überschwemmen und diese auszuhalten gerne an anderen, sicheren Stellen zulassen, beispielsweise im Aufzug, wenn jemand dort Angst hat. Aber nicht im Straßenverkehr. Dort gehen wir immer nach der Devise vor: Vernunft hat Vorrang.

Das meint auch Sandra Winkler, die über Frau Schillers Aussage nachgrübelt. Sie stellt sich vor, ob sie nach dieser Lehrmeinung wirklich gleich auf die Autobahn, nachts, mit 160 km/h fahren würde? Sie entscheidet sich eigentlich dagegen. Dabei ist sie nicht allein. Jede Angsthäsin würde derlei Experimente für den Straßemverkehr sofort ablehnen.

Körperliche Symptome lindern hilft gegen die Panik

Und was wird aus den Ängsten? Wie helfe ich der Panikerin? Ganz einfach, es gibt bei allen eine Menge Anzeichen, wie die körperlich Symptomatik die Ängste verstärkt. Man muss nur genau hinschauen! Und die extremen körperlichen Symptome können wir sofort lindern. Viele leider beispielsweise an Tunnelblick. Sie starren beharrlich geradeaus nach schräg vorne, fürchten jeden Blick zur Seite oder in die Ferne. Sie wollen in ihrer Angst ihre Fahrt noch irgendwie kontrollieren, und sei es durch den fixierten Tunnelblick nach vorne. Der Tunnelblick führt aber zu Schwindel (sogenannter Asphaltschwindel) und zu Uninformiertheit. Der Tunnelblick entsteht aus der Angst und verstärkt die Angst. Soll man nun diese Angst so belassen und aushalten lernen?? Das ist einfach Blödsinn, unnötiger Blödsinn.

Natürlich trainieren wir sofort bei der ersten Fahrt auf der Autobahn lebendiges Schauen hin und her, in die Weite und in die Nähe. Die Fixiertheit beim Schauen, die die Angst vergrößert, wird sofort aufgebrochen. Das tut allen wohl und entzieht der Angst ein kleines bisschen die Grundlage.

Ähnlich verhält es sich mit der starken Verkrampftheit der Muskeln. Bei der Panikerin sind alle Muskeln im Einsatz, stur und verspannt sitzt sie hinterm Steuer, um bei den herantosenden Ängsten die Kontrolle zu behalten. Hinterher klagen sie über Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, Schmerzen in den Beinen und in den Armen. Kein Wunder, bei dieser Haltung, die aus der Angst kommt und diese verstärkt. Es gibt aber eine wunderbare Übung, die wir dagegen hilft und die wir sofort, bei der Fahrt (!) anwenden können: Die progressive Muskelentspannung nach Jakobson.

So gibt es noch viele Möglichkeiten der direkten Hilfe gegen Angstkrampf, gegen Herzklopfen, schnelles Atmen, Schwitzen, Schwindel, Konzentrationsschwäche. Wir lockern und beruhigen den von Angst gepeinigten, verkrampften Körper und senken damit die Angst. Sofort. Schon bei der ersten Fahrt auf der Autobahn. Hier muss sich niemand durch die Überschwemmung mit Angst durchleiden.

(Fortsetzung)


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