Neue Fragen und Videos im Theoriewissen

Neue Fragen, zum ersten Mal Videos

Einschneidende Änderungen bei der Theorieprüfung

Viele neue Fragen sind schon ab November 2013 in die Theorieprüfung eingeflossen. Auch der Katalog der Mutterfragen mit allen möglichen Variationen wurde noch einmal erweitert.

Ab 01. April 2014 kommt es zu einer bedeutenden Änderung, die die Fahrschüler/innen zu mehr Nachdenken über Verkehrsprobleme bringen soll: In der Theorieprüfung gibt es nun auch kurze Videosequenzen.

Musterseite des Filmbogen, Radfahrer überholen, Wendel-Verlag, LehrmittelKein Aprilscherz. Ab 01. April 2014 wird das Theoriewissen in der Prüfung auch per Videos abgefragt. Technisch hat dies die Umsetzung der Theorieprüfung auf den PC möglich gemacht.

Wer nun immer noch mit Papierbögen lernen will, ist damit etwas benachteiligt. Die Lehrmittelverlage lösen das Problem einigermaßen so, dass sie aus einer Filmsequenz drei wichtige Bilder herausgreifen und diese auf Papier drucken: Die drei Bilder beziehen sich auf Anfang, Mitte und Ende der Filmsequenz, auf jeden Fall auf Schlüsselszenen der Situation. Den Bögen sind QR-Codes beigefügt, die mit dem Smartphone gescannt werden können, um den Link zum entsprechenden Video aufzurufen.

15 Sekunden pro Video, nur fünfmal hintereinander

Insgesamt gibt es 51 neue Videos. Diese werden amtlich als "Aufgaben mit dynamischer Situationsdarstellung" bezeichnet. Sie verteilen sich auf die Fragesets zu insgesamt 30 Fragen, wie sie bei der Vorbereitung auf die Theorieprüfung und bei der Theorieprüfung selbst üblich sind.

In jedem Set zu 30 Fragen werden künftig zwei Videos auftauchen. Die Länge beim Ablauf beträgt etwa 15 Sekunden. Der Ablauf lässt sich nicht anhalten. Ein Video darf in der Prüfung nicht mehr als fünfmal angeschaut werden. Dann wird nur noch ein Schlussbild mit den möglichen Antworten gezeigt. Zurück zum Video geht nicht mehr. In der Regel gibt es bei Falschantworten die Höchstpunktezahl von 5 Fehlerpunkten.

Geplant sind noch im Jahr 2014 weitere 91 Videos. Diese sollen auch in möglichen Varianten ablaufen (Gebäude, Verkehrsteilnehmer werden geändert).

Was bringen die Filme für die Verkehrssicherheit?

Reine Bilderfragen werden immer statisch und vereinzelt bleiben und können natürlich den vielen Informationen bei bestimmten Abläufen nicht gerecht werden. Kann man in einer bestimmten Situation noch überholen oder nicht? Links abbiegen oder nicht? Das ist aus der Bewegung heraus oft mit mehr Faktoren belastet und und nicht so schnell zu entscheiden, als wenn ich ein einziges, statistisches Bild aus dem Vorgang herausgreife. Insofern sind solche kurzen Filmabläufe komplexer, praxisnäher und fordern mehr das Nachdenken über die Situation des Überholens oder Abbiegens heraus. Daher tragen die Filme auch zur Verkehrssicherheit bei.

Weil man die Filme nur fünfmal sehen kann, muss man sich die wichtigsten Informationen im Film merken. Das ist neu, aber letztlich auch nicht anders als in der Verkehrswirklichkeit. Dort muss man sich merken, dass ein Radfahrer neben einem her fährt, auch wenn er sich gerade im toten Winkel befindet, oder wenn man abgelenkt ist.

Wie auch die statischen Bilder zeigen aber auch die Filme nur eine bestimmte Situation und deren Lösung oder Nichtlösung. Darauf muss man sich nach der Logik der Fragen und Antworten einlassen. Ob es vielleicht nicht auch noch ganz andere Lösungen gibt, das bleibt leider im Dunkeln.

Kreuzchen: richtig, kein Kreuzchen: falsch – alles beim alten

Jede dieser neu eingeführten, kurzen Filmsequenzen muss immer eindeutig nach Art der schon bekannten Multiple-Choice-Fragen beantwortet werden: Kreuzchen bei richtigen Antworten, kein Kreuzchen bei falschen Antworten. Und damit sind auch die Fahrschüler/innen, die nicht so gerne nachdenken, sondern lieber auswendig lernen, wieder zufrieden: „Warum müssen Sie vor dem Rechtsabbiegen warten?“ Richtig sind die Antworten 2 und 3 („wegen des Radfahrers“, „wegen des Fußgängers“), falsch ist die Antwort 1 („wegen des Transporters“).

Das Multiple-Choice-Verfahren verführt dazu, die Problemlösungen der Verkehrsrealität auf „falsch“ oder „richtig“ zu reduzieren. Die Realität ist allerdings viel bunter und lässt oft verschiedene Lösungen zu. Das können auch die Filme nicht verändern. Dennoch bringt die Einführung der Filme auf jeden Fall mehr Praxisnähe mit sich.

Ein Beispielfilm: Rechtsabbiegen, vorher Radfahrer überholen

Als Beispiel für einen der kurzen Filme stellen wir hier eine Bilderreihe vor, die der Wendelverlag uns als Fahrschule geschickt hat; zum Vergleich auch den dazugehörigen Film (Link zum Film unter diesem Artikel). Die Bilderreihe enthält drei Ausschnitte aus einem der Kurzfilme. Es geht um das Überholen eines Radfahrer und das anschließende Abbiegen nach rechts. Die Bilder müssen von oben nach unten gelesen werden und stellen wichtige Ausschnitte aus dem kurzen Film dar. Den Film selbst können Sie unter dem Artikel auf einem Link anklicken.

Der mitbeteiligte Verkehrsteilnehmer, ein Radfahrer, fährt zuerst vor uns, wird überholt (im rechten Außenspiegel zu sehen) und gerät nach dem Überholen in den toten Winkel des Fahrers unseres Autos. Er ist zwar noch rechts vorhanden, aber nicht mehr im rechten Außenspiegel zu sehen. Der Fahrer sollte sich diese Information merken. Man muss am Schluss, im letzten Bild, nicht nur auf den Fußgänger, sondern auch auf den – im Moment noch unsichtbaren – Radfahrer warten. Mit dem Transporter hat unser Abbiegevorgang nichts zu tun.

Das Auftreten des toten Winkels kann man nur mit einer dichten Bilderreihe oder einem Film darstellen. Sehr anschaulich, gut gemacht. Aber die richtigen Antworten, also die beiden letzten Kästchen, kann man sich sich auch einfach so merken, ohne sich der Tragweite des Überholvorgangs und der Probleme beim Beobachten des Radfahrers richtig bewusst zu sein.

Muss ich denn überhaupt überholen?

Die Schwäche des Films liegt darin, dass er sich selbst nicht in Frage stellen kann. Man überholt halt den Radfahrer. Dem muss man sich fügen, eine Alternative gibt es nicht.

Vor jedem Überholvorgang sollte man jedoch prüfen: Ist der Überholvorgang überhaupt nötig? Das setzt der kleine Film voraus. Aber so leicht ist die Antwort nicht. Denn nach dem Überholen müssen wir sowieso vorne beim Abbiegen nach rechts auf den Fußgänger warten, also anhalten. Und damit auch den Radfahrer auf seinem Wege gerade aus durchlassen. Wieso dann überhaupt noch überholen?? Das Ganze mutet sinnlos an.

Sicher, in der Praxis ist es gut, das Überholen von Radfahrern zu üben. Alle Welt fährt am Fahrschulauto vorbei, Gelegenheiten, mal selbst zu überholen, gibt es kaum. Da bietet sich ein einsamer Radfahrer natürlich an. Aber am besten auch dort, wo es wirklich nötig ist. Beispielsweise auf einer großen, breiten Straße, bei weiterer Fahrt gerade aus, ohne gleich abzubiegen. Auch bei dieser Gelegenheit kann man das Auftreten des toten Winkels beobachten und daraus lernen.

Wenn wir in der Szenerie des Films nicht überholen, sondern hinter dem Radfahrer her fahren, dann ergibt sich ein Sicherheitsvorteil: Wir haben den Radfahrer die ganze Zeit über im Blick, während er beim Überholen zeitweise im toten Winkel verschwindet. In der Verkehrsrealität gilt eben der Grundsatz: Sicht schafft Sicherheit.

Erschwerend für die im Film gezeigte Variante Überholen kommt hinzu, dass der Überholvorgang nur in einer ganz kurzen Spanne ablaufen darf: Kurz vor dem Überholvorgang taucht noch ein rotes Auto im Gegenverkehr auf. Dann muss es fix gehen. Der Radfahrer kann nur überholt werden, solange sich in der Mitte noch die unterbrochene Leitlinie befindet. Anschließend geht die unterbrochene Linie schon relativ früh in eine durchgezogene Linie über – hier wäre es zu spät! Die Linienführung erlaubt nur ein kurzes, schnelles Überholen – Hektik ist angesagt. Auch nicht empfehlenswert.

Aus der Sicht des Radfahrers ist die zweite Variante - nicht zu überholen - ebenfalls besser. Denn in der Praxis wird die Hektik noch weiter getrieben. Leider kommt es immer wieder vor, dass Autofahrer einen Radfahrer überholen und anschließend rechts abbiegen. Zu deutsch: Der Radfahrer wird geschnitten.  Auch wenn, wie im Film zu sehen, schließlich doch gehalten wird - ganz sicher fühlt sich der Radfahrer nicht und wird den Vorgang mit Argwohn verfolgen.

Zwei Lösungen – eine nicht falsch, die andere sicherer

Die Lösung, die der Film bietet, ist nicht gerade falsch. Aber die andere Lösung, einfach gar nicht zu überholen, hinter dem Radfahrer zu bleiben, ist sicherer.

Die Filme sind frisch eingeführt. Man wird noch mehr solcher „Fehler“ entdecken. Das ändert aber nichts daran, dass die Idee der Filme richtig ist. Die Filme werden auch den Theorieunterricht beleben. Denn die Leute sehen sich nun mal lieber Filme an, als statische Bilder.

Frankl Müller


Videosequenz

 

 

 

 

 

Link zum Video

http://videofragen.de/qrc/1.1.07-016


Quellen:

  • Musterseite des neuen Filmbogens. Wendel Verlag
  • C. Meindl: Verstehen statt pauken. Videofragen in der Theorieprüfung. Fahrschule 03/2014, S. 20 ff.

 


 

Seitenanfang