Mit Hilfe der Kupplung sicher und angstfrei Auto fahren

Das geheimnisvolle Pedal – die Kupplung

Wie Sie mit Hilfe der Kupplung sicher und angstfrei Auto fahren

Angsthäsin Britta hatte nach ihrer Erinnerung eine mangelhafte Ausbildung. Ihr Fahrlehrer war wortkarg, erklärte ungern, schnauzte sie manchmal an. Über viele Einzelheiten der Fahrzeugbedienung wusste sie wenig, schummelte sich irgendwie darüber hinweg. Vor allem der Umgang mit der Kupplung war ihr ein Rätsel. Manchmal klappte es, oft gar nicht. Dennoch kam sie durch die Prüfung, mit Ach und Krach. Hinterher blieb tiefe Unsicherheit, Angst vor dem Auto.

Nach der Prüfung lässt sie etwas Zeit verstreichen. Die Unsicherheit bleibt. Aber schließlich siegt die Neugier. Einfach ausprobieren, vielleicht gelingt es? Sie beginnt mit ihrem Arbeitsweg. Aber die Angst kriecht wieder hoch: Was, wenn das Auto sich plötzlich selbständig macht, gegen ihren Willen? Wenn es plötzlich bockt, heftig bremst oder Sätze nach vorne macht – und sie, entsetzt am Steuer, sich hilflos einem Unfall ausgesetzt sieht?

1 Brittas Unfall

Britta fühlt sich unsicher vor Kreuzungen, bei denen sie Vorfahrt gewähren und sich langsam hinein tasten muss. Das kann sie nur so ungefähr, sie weiß nicht mit der Kupplung richtig umzugehen. Sie versucht, solchen Kreuzungen aus dem Weg zu „gehen“, aber leider klappt das nicht immer.

Nun gerät sie an eine Kreuzung mit Vorfahrt von rechts. Eigentlich ist diese Kreuzung harmlos, weil nie zugeparkt. Heute ist allerdings die Sicht nach rechts von einem Lkw verstellt. Britta erschrickt, sie würde am liebsten umkehren, kann aber nicht mehr. Ihr Herz klopft. Sie spürt ihre Muskeln starr werden, im Kopf rasen Angstgedanken. In ihrer Nervosität bedient Britta Kupplung und Gas falsch, ihr Wagen hoppelt in großen Sätzen in die Kreuzung hinein. Wegen ihrer Aufregung ist sie nicht in der Lage zu reagieren. Von rechts nähert sich leider etwas schnell ein anderer Pkw. Dessen Fahrer bremst, aber es ist zu spät. Ein kleiner Crash passiert, nicht schlimm. Der Fahrer des anderen Autos schimpft. Britta gibt ihm recht, klagt sich selber an. Aber sie fühlt sich auch merkwürdig erleichtert.

Sie holen die Polizei, der Unfall wird ordentlich reguliert. Britta beruhigt sich endgültig. Sie fühlt, dieser Unfall war ein Fingerzeig. Er beweist, dass sie das Auto nicht kontrollieren kann und lieber ganz aufhören soll. Sie bittet einen Polizeibeamten, den Wagen zur Seite zu fahren. Später holt ein Freund ihn ab. Sie lässt den Wagen reparieren, verkauft ihn und fährt knapp zehn Jahre nicht mehr. Sie spürt die Verantwortung, die auf ihr lastet. Denn beim nächsten Mal könnte es womöglich einen von ihr verschuldeten Unfall mit Verletzten oder gar Toten geben.

2 Die Angsthasenfahrschule

Nach zehn Jahren der Vermeidung hat Britta genug. Sie möchte endlich ihre Angst los werden, am Wochenende ihre Freundinnen besuchen, die außerhalb Berlins wohnen. Am wichtigsten ist ihr, die Angst zu überwinden, die sie im Griff hat und sie quält.

Übungen mit der Freundin: Die Panik bleibt

Eine ihrer Freundinnen bietet ihr an, mit ihr auf einem großen, am Wochenende leeren Parkplatz zu üben. Es klappt einigermaßen. Doch als sie in die Nähe der Parkplatz-Ausfahrt kommen, passiert es: Beinahe hätte Britta wieder die Kontrolle verloren, der Wagen wäre ihr durchgegangen und gegen ihren Willen auf die Fahrbahn geraten. Die Freundin, völlig überrascht, schreit sie an. Britta gelingt es irgendwie zu bremsen. Hinterher macht sie Britta Vorwürfe. schweigt dazu, erklärt nichts,  verschwindet fluchtartig. Später versöhnen sie sich wieder nach einem langen Gespräch. Die Freundin akzeptiert Brittas Panik vor dem Autofahren. Auch die Freundin empfiehlt jetzt Hilfe durch einen Profi.

Das Gespräch in der Angsthasenfahrschule

Nach diesem Vorfall hört Britta wieder auf, ein halbes Jahr. In dieser Zeit sucht sie sporadisch nach professioneller Hilfe. Sie findet unsere Angsthasenfahrschule über das Internet.

Wir beginnen mit einem Gespräch, dem die erste Fahrt folgen soll. Im Gespräch erzählt Britta ihre Geschichte.

Ich überlege mit ihr verschieden Möglichkeiten der Angstbewältigung und empfehle ihr, den Umgang mit der Kupplung genauestens zu üben. Aber nicht nur das, sondern auch den Umgang mit ihrem Fehler – die Kontrolle über Gas und Kupplung zu verlieren und sozusagen „kopflos“ und schreckerstarrt in die folgende Situation hinein zu geraten. Ihr geht es aber nicht nur um die Kupplung. Sie hat das Gefühl, überhaupt keine Kontrolle mehr über das Auto zu haben, völlig unsicher zu fahren und andere zu gefährden.

Von den anderen Verkehrsteilnehmern hält sie wenig. Sie verweist auf den schimpfenden Fahrlehrer, auf irrational handelnde Radfahrer und Fußgänger. Auch dem damaligen Autofahrer gegenüber hegt sie bittere Gefühle: Warum musste der so schnell fahren? Hätte er nicht mehr aufpassen können? Dann wäre nichts passiert! Sie nennt ihn „Raser“, von diesen gäbe es viel zu viele.

Ihre Schilderung habe ich stichwortartig in einem Protokoll notiert. Ich informiere sie, dass wir auf all ihre Probleme noch genauer eingehen werden. Ein vertrautes Verhältnis zur Autobedienung und vor allem zur Kupplung sei aber ihr Schlüsselproblem, damit sollten wir anfangen. Bei der Begegnung mit anderen Verkehrsteilnehmern könnten wir von Fall zu Fall darüber sprechen, ob sie nett oder ablehnend reagiert hätten. Sie ist mit der Vorgehensweise einverstanden.

3 Wie die Kupplung funktioniert

Selbstgebautes Modell zur Demonstration der Kupplung: Schwere Holzscheibe = Rad, raue Blechplatte auf der Holzscheibe = Kupplung, Akkuschrauber mit Polierscheibe = Motor mit SchwungscheibeVor der ersten Fahrt haben wir in der Fahrschule noch einen wichtigen Punkt zu erledigen. Ich erkläre Britta an einigen Bildern und einem Modell, wie die Kupplung funktioniert, welchen Sinn sie hat. Ich beschränke mich vorerst auf die Demonstration an einem einfachen Modell, das Sie hier abgebildet sehen. Dabei geht es mir nicht um eine genaue technische Wiedergabe dieser wichtigen Stelle der Kraftübertragung. Britta soll vielmehr begreifen und ein Gefühl dafür bekommen, was an dieser Stelle geschieht. Darauf können wir in der Praxis aufbauen. Schon die Erklärung und das Spielen am Modell wird bei Britta Angst abbauen. Britta bekommt das Modell nämlich nicht nur demonstriert. Sie soll auch damit spielen. Und beides ist wichtig zur Überwindung der Angst.

Eine genauere technische Erklärung, wie die Kupplung funktioniert, finden Sie später am Schluss dieses Beitrags.

Demonstration mit der Holzscheibe

Das Modell besteht aus einer großen Holzscheibe, auf der eine raue Blechplatte befestigt ist (siehe nebenstehendes Bild). Die Holzscheibe ist auf einem Bock befestigt und drehbar. Die große, schwere Holzscheibe steht für ein angetriebenes Rad und die daran hängende, träge Masse des Autos. Die raue Blechscheibe auf der Holzscheibe stellt die Kupplung dar. Der Kollege hält einen Akkuschrauber in der Hand. Auf dem Akkuschrauber ist eine Polierscheibe befestigt. Der Akkuschrauber ist natürlich der Motor, die Polierscheibe stellt die Schwungscheibe des Motors dar.

Drei Zustände der Kraftübertragung können wir mit der Modellkupplung und einer richtigen Kupplung herstellen:

  1. Trennen von Motor und Rad
  2. Schleifende, reibende Verbindung von Motor und Rad beim Anfahren und beim langsamen Fahren
  3. Feste Verbindung zwischen Motor und Rad.

Trennen: Der Akkunschrauber mit Polierscheibe rückt weg vom großen Holzrad mit der rauen Blechplatte.

Schleifende, reibende Verbindung: Der Akkuschrauber nähert sich der Blechplatte, langsam und immer langsamer. Er kommt etwas mit ihr in Berühung, nimmt die Blechplatte und die schwere, ungefüge Holzscheibe zögernd mit. In dieser Stellung wird der Akkuschrauber fest gehalten. Der Akkuschrauber muss arbeiten, seine Drehzahl verlangsamt sich. Schließlich gibt es eine ungefähre Verbindung zwischen dem Akkuschrauber und der Blechplatte + Holzscheibe.

Feste Verbindung: Der Akkuschrauber ist fest auf Blechplatte und Holzscheibe gepresst, eine gleichsinnige Bewegung kommt in Gang.

Schwierigkeiten mit dem Schleifpunkt

Britta zieht sich die Arbeitshandschuhe an und darf nun selbst an dem Modell üben. Beim Herstellen der schleifenden, reibenden Verbindung stößt sie auf Schwierigkeiten. Das war zu erwarten. Sie bringt den Akkuschrauber viel zu schnell und zu fest an die Blechplatte. Dadurch steht der Motor zeitweise still, er "brummt" dabei, wie das ein Elektromotor eben tut. Das entspräche beim Verbrennungsmotor ungefähr dem bei Fahrschülern bekannten "Abwürgen".

Immer wieder versucht sie es, ihre Stimmung schwankt zwischen Spaß und leichter Verzweiflung. Schließlich schafft sie es so ungefähr. Dann kommt ihr großer Einwand: Ist das nicht völlig anders als im Auto? Ich erkläre ihr es so: Im Auto ist es wieder anders, da drückt ja auch Dein linker Fuß aufs Kupplungspedal. Aber das menschliche Gehirn kann sehr wohl allgemeine Zusammenhänge erfassen. Und die hast Du jetzt begriffen.

Sicherheitsübungen:

Britta macht bei ihren Übungen mit dem Akkuschrauber zwei wichtige Erfahrungen zur Sicherheit:

  1. Sie kann den Akkuschrauber mit größer Drehzahl laufen lassen, erschreckendes Geräusch - wenn sie ihn von Blechplatte + Rad trennt, passiert gar nichts. Das Rad steht schnellt wieder still.
  2. Sie kann die Holzscheibe in ihrer Drehung sehr fein dirigieren, sehr langsam drehen lassen, indem sie den Akkuschrauber mal mehr, mal weniger an die Blechplatte presst.

Britta hat nun eine erste Ahnung, dass die Kupplung ein wichtiges Element der Sicherheit ist.

4 Erste Stunde: Nothilfe – wie beherrsche ich eine durchgehende Maschine?

Durch den dichten Neuköllner Verkehr ins Gewerbegebiet übernehme ich als Fahrlehrer das Steuer. Britta wäre sonst gleich zu Anfang überfordert. Im Gewerbegebiet ist es ruhig, die Fahrbahnen sind breit. Dunkle Asphaltstreifen in Längsrichtung unterteilen die Fahrbahn als Orientierungshilfe, so dass man weder dem Gegenverkehr noch den geparkten Autos noch zu nahe kommt. Ideal für Anfänger, die sich mit der Raumeinschätzung schwer tun.

Benennen der Nervosität (von 1 – 10) hilft

Im Gewerbegebiet angekommen, übernimmt Britta den Fahrersitz. Ich frage sie nach dem Niveau ihrer Nervosität. Die Skala der Nervosität geht von 1 (= sehr ruhig) bis 10 (= Panik). Sie antwortet „5“. Ich bin besorgt. Das ist nicht gerade wenig. Sie sollte nun öfter und von sich aus den Grad ihrer Nervosität laut ansagen. Schon das allein hilft.

Um sie beruhigen, stelle ich ihr den kommenden Stoff vor: Wir sprechen über die Einstellung des Sitzes und die Bedienung des Autos. Vor und beim Losfahren wird sie von mir eine Technik kennen, das Auto am Durchdrehen oder Herumbocken zu hindern und statt dessen stehen zu bleiben. Das findet sie sehr gut und beruhigt sie wieder etwas.

Sitzeinstellung – von ängstlich zu locker

Sitzeinstellung ängstlich: Zu weit vorne, verkrampftWir beginnen mit der Sitzeinstellung. Wie viele ängstlichen Anfänger/innen stellt Britta den Sitz viel zu weit nach vorne. Der Grund ist schnell erfragt: Sie möchte dem Geschehen nahe sein, fürchtet Überraschungen, wenn sie weiter hinten, das heißt weiter weg sitzt.

Diese ängstliche Sitzhaltung hat allerdings einige Nachteile:

  • Die Haltung wird sehr verkrampft. Die Beine sind stark angewinkelt, stoßen gegen die untere Armaturentafel. Die Pedale können nicht mehr locker bedient werden.

  • Auch die Arme sind angewinkelt, das Lenkrad befindet sich beinahe vor der Brust. In dieser Haltung kann es nur mühsam gedreht werden.

  • Die Instrumente und Leuchtanzeigen werden durch die extreme Nähe kaum noch wahrgenommen.

  • Der Schalthebel ist schwerer zu erreichen und zu bedienen.

  • Blicke in die Spiegel fallen nicht leicht, erfordern höheren körperlichen Aufwand.

  • Die Sitzhaltung im extrem nach vorne gerückten Sitz fördert leider auch den Tunnelblick, den viele Anfänger/innen sowieso drauf haben. Das Schauen zur Seite wird behindert.

Nun stellt Britta den Sitz richtig ein. Sie soll sich als Fahrerin wohl fühlen, gut schauen können. Sie drückt das Kupplungspedal mit dem linken Fuß ganz durch und stellt den Sitz so ein, dass das Bein im Bereich des Knies noch eine leichte Krümmung aufweist. Dadurch rückt sie weiter nach hinten. Dabei fühlt sie sich aber unwohl, sie protestiert dagegen. Die Ängstlichkeit steht der Sicherheit im Wege. Das ist für den Anfang normal und hinzunehmen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss. Je gelassener sie künftig fährt, umso mehr wird sie sich bei der Sitzeinstellung der idealen Einstellung nähern.

Überspannung des linken Fußes am Kupplungspedal

Die Haltung der Füße an den Pedalen ist in Ordnung. Beim Kupplungspedal aber macht sie den Fehler, den Fuß immer auf dem Pedal in Hab-Acht-Stellung zu lassen. Eigentlich sollte der linke Fuß, wenn nicht im im Einsatz beim Kuppeln, links neben dem Kupplungspedal ruhen.

Ihre Begründung für die gespannte Fußstellung auf dem Pedal: Sie habe Angst vor dem Abwürgen, daher wolle sie den Fuß vorsorglich immer auf dem Pedal bereit stehen lassen. Ich weise sie auf die Nachteile hin: Der Fuß verkrampft, die Achillessehne hinten wird lange stark gedehnt, die Kupplung wird belastet. Aus Angst vor dem Abwürgen mutet sie ihrem linken Fuß und der Kupplung dauernde Überlastung zu. Ich erkläre ihr, dass wir gemeinsam an ihrer Furcht vor dem Abwürgen und dem bockenden Auto arbeiten werden. Sie wird während der Stunden lernen, das Abwürgen als harmlos und normal zu empfinden und damit umzugehen. Dann kann sie auch den Fuß endlich wieder entspannt neben die Kupplung stellen.

Sie stimmt mir zögernd zu. Doch der Fuß bleibt während der folgenden Stunden immer wieder auf der Kupplung. Das ist leider eine feste Gewohnheit. Doch ab der dritten Stunde sehe ich zu meiner Freude, dass der Fuß zeitweise auch unten ruht. Schön!

Die Schaltung der Gänge beherrscht sie gut. Die Spiegel sind eingestellt. Nun soll sie den Motor und die Kupplung im Einsatz kennen zu lernen, um richtig anzufahren. Ich frage nach der Nervosität: Antwort „6“! Ihr Herz klopft, die Muskeln sind verspannt. Das war zu erwarten. Zur Lockerung machen wir eine progressive Muskelentspannung der Arme am Lenkrad. Hilft immer ein bisschen.

Sie lässt den Motor an, Leerlauf ist eingeschaltet, Kupplung getreten, Handbremse gezogen. Also vielerlei Sicherungen. Nun soll sie die Kupplung loslassen. Das fällt ihr schwer, aus Angst. Aber nichts passiert, denn der Leerlauf ist eingelegt – Erleichterung.

Dann stellt sie auf meine Bitte verschiedene Umdrehungszahlen ein – 1500 und 2000. Die 1500 brauchen wir anschließend für das Anfahren, die 2000 zum Schalten einen Gang höher. Das Gasgeben fällt ihr schwer, ist mit etwas Angst verbunden.

Als nächstes sucht sie bei getretener Kupplung und eingelegtem erstem Gang nach dem Schleifpunkt, vorläufig ohne Gas. Die Handbremse ist immer noch fest angezogen. Das beruhigt wieder. Den Schleifpunkt findet sie. Jetzt soll sie ein Stück anfahren, mit geringem Gas und Halten des Schleifpunktes, daher steigt die Aufregung wieder. Sie ist inzwischen auf 7 nach der Skala. Das ist zu viel, jetzt kann die Aufregung jederzeit in Panik umschlagen.

Zwei Notmaßnahmen beim Anfahren

Wir machen den Motor aus, kurze Pause. Ich erkläre ihr, dass es gut ist, bei einer relativ unbekannten Maschine Notmaßnahmen zu kennen und zu ergreifen, wenn diese durchdreht. So kann diese jederzeit gestoppt werden. Dies zu wissen trägt sehr zur Beruhigung bei. Zwei Notmaßnahmen schlage ich ihr vor:

  1. Auto übergeben: Im Notfall übergibt sie mir das Auto. Als Fahrlehrer bin ich dafür da, Sie und andere Verkehrsteilnehmer vor Schaden zu schützen. Sie kann und sollte mir vertrauen, dass ich das in der Praxis auch tue. Wir machen sofort eine derartige Übung: Sie lässt den Motor an, gibt Gas, sucht den Schleifpunkt, bekommt Angst. Darauf sagt sie zu mir: „Bitte übernehmen Sie!“ Und ich greife zum Lenkrad, übernehme Gas und Kupplung. Die Situation ist harmlos, sie fühlt sich jetzt entspannter und lächelt mir zu. Die folgende Übung fällt ihr leichter, da sie weiß, dass ich jederzeit übernehmen und für Sicherheit sorgen kann.

  2. Kupplung treten: Ich erkläre ihr und mache ihr vor, was beim Anfahren geschieht. Bevor das Auto aber in Schwung kommt, drücke ich die Kupplung. Dadurch verliert es an Schwung, wird langsamer. Die Kupplung ist beim Anfahren also ihr Sicherheitsinstrument. Diese Übung macht sie mir anschließend nach: Sie gibt Gas mit 1500 Umdrehungen, lässt die Kupplung in den Schleifpunkt kommen, hält dort mit dem Fuß fest, der Wagen fährt an, 10, 20 cm. Nun drückt sie die Kupplung, weicher Stillstand. Ergebnis: Große Zufriedenheit, die Nervosität sinkt auf hinnehmbare 4.

5 Wie finden wir den Schleifpunkt?

Nach diesen Übungen brechen wir ab, die Stunde ist zu Ende. Ich bitte Britta zu beachten, dass sie die Übungen mit relativ hoher Nervosität begonnen hat (bei 5, 6 oder gar 7), beendet hat sie sie aber mit 4! Sie soll sich das merken, einen neuen Speicher im Gehirn anlegen, der etwa heißt: „Meine guten Erlebnisse mit der Angst.“ Darauf soll sie zurückgreifen, wenn die Angst – etwa vor der nächsten Stunde – wieder kommt.

In den folgenden Stunden wiederholen wir noch einige Male die beiden Notmaßnahmen. Sie tun Britta gut, die Angst wird blasser.

Britta hat den Wunsch, den Schleifpunkt genauer kennen zu lernen. Wir machen deshalb folgende Übung bei angezogener Handbremse:

Sie drückt die Kupplung, lässt den Motor an, legt den ersten Gang ein, gibt etwas Gas (1500 Umdrehungen), lässt die Kupplung langsam los, bis der Schleifpunkt erreicht ist. Dies beherrscht sie schon einigermaßen.

Nun achtet sie genauer auf folgende Anzeichen für den Schleifpunkt:

  • Drehzahlmesser: Sie beobachtet den Drehzahlmesser. Der Schleifpunkt ist erreicht, wenn die Nadel des Drehzahlmessers zurück geht (von zuerst 1500 auf etwa 1200, 1000 Umdrehungen).

  • Motorgeräusch: Sie hört auf das Motorgeräusch. Der Motor klingt anders bei 1500 Umdrehungen, als wenn er im Schleifpunkt belastet wird und die Drehzahl auf 1200 oder weniger sinkt. Vorher heller, jetzt etwas dumpfer.

  • Tastgefühl: Sie achtet auf ihr körperliches Tastgefühl. Wenn der Motor im Schleifpunkt die Räder bewegen will, beginnt der Wagen ein bisschen zu zittern. Das überträgt sich über den Wagensitz auf Rücken und Po.

  • Motorhaube: Sie achtet auf die Bewegung des Wagens. Ist der Schleifpunkt erreicht, will der Wagen losfahren, geht die Motorhaube dabei ein bisschen hoch.

Wenn Britta die Kupplung jetzt doch noch ein bisschen weiter loslässt, hört sie wahrscheinlich von den Rädern her ein ächzendes, knarzendes Geräusch. Der Motor will die Räder bewegen, kann aber nicht so richtig, denn die Handbremse ist gezogen! Das Geräusch entsteht, weil die Räder sich durch die Motorkraft doch ein bisschen bewegen, trotz der Bremse. Wenn das Kupplungspedal soweit, über den Schleifpunkt hinaus, losgelassen ist, dann ist es besser, es wieder ein bisschen zurück zu drücken.

Richtiges Anfahren

Nachdem die Sache mit dem Schleifpunkt klar ist, üben wir das richtige Anfahren:

  • Schauen, ob frei ist und blinken

  • Mit dem rechten Fuß Gas geben, auf 1500 Umdrehungen in der Minute

  • Mit dem linken Fuß den Schleifpunkt suchen. Dann fährt der Wagen langsam los

  • Den Schleifpunkt festhalten, nach dem Losfahren auf drei Sekunden zählen (am besten laut „1 – 2 – 3“). Das entspricht einer Strecke von ungefähr 10 bis 15 m = zwei bis drei hintereinander geparkten Autos.

  • Erst nach drei Sekunden Fahrt mit dem Schleifpunkt das Kupplungspedal sachte loslassen, so dass der Motor über den eingelegten ersten Gang fest mit den Rädern verbunden ist.

Abläufe bei der Fahrtechnik automatisieren

Wir üben diesen Ablauf immer mal wieder, bis sich bei Britta eine Art Muskelgedächtnis für das Anfahren gebildet hat. Dies geschieht im Kleinhirn. Aber egal wo, ein paar Mal zu üben reicht leider nicht. Die Wissenschaftler empfehlen einen Ablauf 30- bis 40mal zu üben, bis er richtig sitzt und ausgeübt wird, ohne viel nachzudenken. Jetzt ist der Ablauf automatisiert. Dann aber ist ein idealer Zustand erreicht, da wir nun den Verstand frei haben für die eigentlich wichtigen Vorgänge im Verkehr.

Apropos Verkehr: Im Stress geraten gewohnte Abläufe oft wieder durcheinander, werden sogar vergessen. Also ist es richtig, Abläufe auch in schwierigen Situationen zu üben und festigen.

Fehlerkorrektur-Übung: Wir üben den Umgang mit dem Abwürgen des Motors

Jeder Ablauf, und sei er noch so richtig ausgeführt und gut automatisiert, ist bei einem ängstlichen Menschen mit Angstgedanken behaftet. Diese lauten bei Britta so: Was ist, wenn ich die Kupplung doch wieder falsch bediene?? Dann gerät mir das Auto wie schon mal erlebt außer Kontrolle, springt gegen meinen Willen in die Kreuzung, dort richte ich womöglich Schlimmes an?

Die Angstgedanken lassen sich durch Üben nur halbwegs verdrängen. Besser ist es, offensiv darauf einzugehen. Wir üben auch die Fehler. Aber nicht einfach nur als Fehlerübung, sondern so, dass wir den Fehler zwar provozieren, ihn aber ins richtige Fahrwasser umleiten, korrigieren. Die Idee dahinter ist, dem Fehler viel von seinem Schrecken zu nehmen, denn inzwischen hat man gelernt, mit ihm umzugehen.

Wenn Abwürgen nicht geübt und der Ablauf nicht korrigiert wird, dann ergibt sich ein angstbeladener, gefährlicher Vorgang: Die Fahrschülerin versucht nach dem Abwürgen sofort, mit zitternder, hektischer Hand den Motor wieder anzulassen. Dann viel Gas und weg... Keine Beruhigung, kein Sichern des Autos, kein Blick auf die anderen und auf das Umfeld. Gefährlich!

6 Kupplungsgas und Kupplungsbremse

7 Übungen am Berg: Die Kupplungswaage

8 Die Freundin empfiehlt Britta, Automatik zu fahren

9 Letzte Fehlerkorrektur-Übung: Wir hoppeln in die Kreuzung

10 Technische Erklärung zur Kupplung

Im Folgenden ein Ausschnitt meiner Erklärungen.

Die Kupplung ist ein technisches Element, das man beim Betrieb von Maschinen braucht. Mit Hilfe der Kupplung verbinden wir zwei Fahrzeuge miteinander oder trennen sie. Britta kennt das, sie hat schon oft einen Pkw mit angekuppeltem Wohnwagen gesehen. Solch eine Anhängerkupplung kann nur feste, starre Verbindungen herstellen oder sie lösen.

Ein Beispiel aus der Lebenswelt der Familie: Wer einen Kinderwagen schiebt, stellt ebenfalls durch eine „Kupplung“ Verbindung her oder löst sie: Durch die Hände, die die obere Haltestange des Kinderwagens umgreifen oder sie wieder loslassen.

Anhängerkupplung - Antriebskupplung

Neben der Anhängerkupplung kennen wir im Auto noch eine andere Art der Kupplung. Sie verbindet oder trennt zwei sich drehende Teile: Da ist auf der einen Seite der antreibende Motor mit seiner Schwungscheibe, auf der andere Seite das Getriebe, das mit den Rädern verbunden ist. Motor und Getriebe werden von dieser Kupplung verbunden oder getrennt. Wir nennen diese Kupplung Antriebskupplung. Die Antriebskupplung kann aber nicht nur verbinden und trennen, sondern auch eine weitere Aufgabe wahrnehmen: Die beiden beweglichen Teile nur ein bisschen verbinden, so dass die Kraft des Motors allmählich auf das Getriebe übertragen wird. Dies geschieht durch Reibung.

Funktionen der Kupplung: Feste Verbindung Kupplung - Getriebe

Was geht in der Kupplung vor?

Die Kupplung im Auto besteht aus folgenden, wichtigen Elementen:

  • Die Schwungscheibe (im Bild rot) ist fest mit der Kurbelwelle des Motors verbunden. Sie überträgt die Kraft des Motors auf die Kupplung.

  • Die Kupplungsscheibe (im Bild gelb) überträgt die Kraft des Motors auf die Getriebewelle. Sie ist mit Reibbelägen (im Bild braun) versehen. Sie wird von der dahinter liegenden Druckscheibe (im Bild blau) gegen die Schwungscheibe des Motors gepresst oder von ihr gelöst. Die Kupplungsscheibe kann sich auf der Getriebewelle hin und her bewegen. Das symbolisieren die gelben Pfeile.

  • Die Druckscheibe (im Bild blau) wird von kräftigen Federn am Gehäuse der Kupplung gegen die Kupplungsscheibe gepresst.  Die Druckscheibe kann sich wie die Kupplungsscheibe auf der Getriebewelle hin und her bewegen. Das symbolisieren die blauen Pfeile.

  • Das Kupplungspedal ist über eine Gestänge mit der Kupplung verbunden. Am Ende des Gestänges kann es auf den Rücksteller wirken. Dieser zieht die Druckplatte gegen die kräftigen Federn an der Druckscheibe zurück. Im Bild wird das Kupplungspedal los gelassen. Das ist die Grundstellung der Kupplung. Dann steht das Pedal oben. Der linke Fuß ruht links daneben auf dem Radkasten. Die Federn an der Druckscheibe pressen die Kupplungsscheibe nach vorn, gegen die Schwungscheibe des Motors. Die Verbindung zwischen Motor und Getriebe ist fest. Das nennen wir Kraftschluss oder "eingekuppelt".

Die Funktionen der Kupplung

  • Verbindung: Wenn Sie das Kupplungspedal loslassen, dann pressen Sie die Druckscheibe mit ihren Federn auf die Kupplungsscheibe und auf die Schwungscheibe des Motors. Sie verbinden den Motor mit dem Getriebe und mit den Rädern. Der Wagen fährt. Diese Zusammenhänge begreift Britta sofort.
  • Trennung: Wenn Sie das Kupplungspedal treten, dann ziehen Sie die Druckscheibe mit Hilfe des Rückstellers gegen starke Federkraft zurück, damit auch die Kupplungsscheibe, Sie trennen die Kupplungsscheibe von der Schwungscheibe. . Sie trennen den Motor vom Getriebe und damit von den Rädern. Der Wagen bleibt letztlich stehen.

Wenn Sie schalten wollen, dann müssen Sie die Kupplung treten, damit die Getriebezahnräder von der Last des antreibenden Motors befreit sind und sich leicht schalten lassen. Britta fährt Fahrrad. Der Ablauf ist ihr im Grunde bekannt, da sie zum Schalten die Pedale wenig oder gar nicht bewegt.

Wenn Sie anhalten wollen (mit eingelegtem Gang und laufendem Motor), dann sollten Sie zuerst die Bremse, dann aber auch die Kupplung treten, damit der Motor weiter laufen kann und nicht plötzlich ausgeht. Bis dahin kann Britta gut folgen.

  • Reibung, schleifende Verbindung: Wenn Sie das Kupplungspedal nur halb loslassen, dann wird die Kupplungsscheibe durch die Druckscheibe nur etwas auf die Schwungscheibe des Motors gepresst. Hier kommt die dritte Funktion der Antriebskupplung ins Spiel: Sie verbindet den Motor auf reibende, schleifende Weise mit den Rädern und ermöglicht damit das Anfahren und langsame Fahren. Dies geschieht im sogenannten Schleifpunkt.

Der Schleifpunkt ist nicht so leicht zu begreifen. Er ist sozusagen Brittas geheimnisvoller, wunder Punkt.

Der Schleifpunkt

Mit dem Schleifpunkt beginnen bei vielen die Schwierigkeiten. Was ist das, was soll das? Als Radfahrerin kennt Britta keinen Schleifpunkt. Sie tritt beim Losfahren in die Pedale, zuerst langsam, dann immer schneller.

Der Verbrennungsmotor verhält sich beim Anlassen leider nicht wie der Muskel“motor“ eines Radfahrers. Der Verbrennungsmotor kann nicht zuerst sehr langsam, dann immer schneller drehen. Wenn Sie ihn anlassen, dann dreht er sofort mit etwa 800 Umdrehungen in der Minute los. Zwischen 0 und 800 geht dagegen beinahe gar nichts.

Dazu kommt, dass Sie beim Anfahren ein wenig Gas geben müssen, so dass der Motor sogar noch schneller, mit etwa 1500 dreht. Nur dann ist der Motor kräftig genug, um den über eine Tonne schweren Wagen anzufahren. Nun müssen Sie den schnell drehenden Motor mit den still stehenden Rädern verbinden. Das klappt aber nicht so ohne weiteres. Wenn Sie den schnell drehenden Motor durch einfaches Loslassen des Kupplungspedals plötzlich mit den stehenden Rädern verbinden, dann geht der Motor mit einem heftigen Ruck aus, der Wagen macht einen kleinen Satz nach vorne. Es kommt zu dem unter Fahrschülern bekannten und gefürchteten "Abwürgen" des Motors.

Warum der Verbrennungsmotor leicht abwürgt

Die technische Erklärung für das Abwürgen: Wenn Sie das Kupplungspedal bei eingelegtem Gang plötzlich loslassen, dann verbinden Sie den schnell laufenden Verbrennungsmotor mit den still stehenden Rädern des Wagens. Durch die Trägheit der stehenden Wagenmasse wird der Verbrennungsmotor stark abgebremst und verlangsamt, beinahe bis zum Stillstand. Bei sehr geringen Drehzahlen, weit unter den 800 Umdrehungen, brechen aber Gemischbildung und Zündung schlagartig zusammen. Der Motor geht mit einem heftigen Ruck aus. Beim Ausgehen teilt er seine eigenen Drehkraft noch der Wagenmasse mit, schiebt diese eine kurze Strecke nach vorne. Daher der kleine Satz des Wagens nach vorne.

Dieser Vorgang kann sich sogar noch wiederholen. Durch den Satz nach vorn wird der Motor wieder kurz angelassen, dann aber durch die träge Masse des Autos ausgebremst und abgewürgt. Und so weiter. Im Grunde verhält sich das Auto jetzt wie ein bockendes Pferd, für Anfänger ein Grund für Panik. Auch Britta hat das Auto als bockendes Pferd erlebt und in der Panik gar nicht mehr reagiert.

Doch zurück zur Kupplung: Um beim Anfahren das heftige Ausgehen des Motors zu vermeiden, brauchen Sie eine reibende, schleifende Verbindung zwischen Motor, Getriebe und Rädern. So gibt der Motor seine schnellen Umdrehungen langsam,allmählich an die zuerst still stehenden Räder weiter und treibt diese immer mehr an. Die reibende, schleifende Verbindung zwischen Motor und Getriebe liefert die Kupplung mit ihrer mit Reibbelägen versehenen Kupplungsscheibe. Diese presst sich im Schleifpunkt immer mehr gegen die Schwungscheibe des Motors und reicht die Motorkraft allmählich über das Getriebe an die Räder weiter.

Wenn Sie das Kupplungspedal etwa zur Hälfte loslassen, dann ungefähr haben Sie den Schleifpunkt erreicht, durch dessen Vermittlung Sie mit dem Verbrennungsmotor in Ruhe anfahren können.

Mit dem Schleifpunkt können Sie anfahren. Der Schleifpunkt hat eine weitere, wunderbare Eigenschaft: Sie können mit seiner Hilfe sehr langsam, und damit auch sehr sicher fahren. Sie brauchen nur im Schleifpunkt zu bleiben und hier ein bisschen mit dem Schleifpunkt zu spielen, und sie fahren so langsam wie Sie wollen. Damit fahren Sie in vielen gefährlichen Situationen sehr sicher.

(Fortsetzung)


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